Evaluation eines Modellprojekts zur medizinischen Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung in Bremen
Gesundheitswesen
DOI: 10.1055/a-2833-6480
Es wird geschätzt, dass in Deutschland zwischen einer halben und einer
Million Menschen ohne Krankenversicherung leben. Wenn sie versorgt werden,
erfolgt dies in sehr begrenztem Rahmen durch Kommunen, gemeinnützige
Organisationen oder ehrenamtliche Tätigkeit. Das Land Bremen richtete 2022
ein Modellprojekt (MVP) mit Beratungs- und Behandlungsstelle ein. Es bietet
medizinische Hilfe, Beratung zur möglichen (Wieder-)Eingliederung
Betroffener in einen Leistungsanspruch („Clearing“) und Behandlungsscheine
zur Versorgung im regulären Gesundheitssystem. Ziele einer Evaluation des
Projekts waren die Analyse der Versorgungs- und Kostendaten sowie der
Perspektive von Akteuren und Nutzer*innen.Versorgungsdaten wurden vom MVP und Kostendaten zusätzlich vom Klinikverbund
Gesundheit Nord Bremen erhoben. Es wurden Interviews mit fünf Mitarbeitenden
des MVP, acht abrechnenden Versorgenden, drei Nutzer*innen und acht
Mitarbeitenden von Organisationen, die diese Personengruppen unterstützen
geführt. Abrechnende Versorgende wurde zusätzlich in einer Online-Befragung
adressiert. Quantitative Daten wurden deskriptiv, qualitative
inhaltsanalytisch ausgewertet.Im Zeitraum vom 01.07.2022–31.12.2023 haben 971 Personen aus 76 Ländern das
Angebot des Projekts genutzt. 886 (91,2% der) Nutzer*innen führten
mindestens ein Clearinggespräch. Davon konnte für 142 (16%) ein bestehender
Versicherungsschutz festgestellt und für weitere 168 (19%) ein
Versicherungsschutz hergestellt werden. Es wurden 2933 Behandlungsscheine
ausgeben. Insgesamt wurden 1 327 679 Euro ausgegeben, davon entfielen 52%
auf stationäre und 10,5% auf ambulante Behandlungen. Ergebnisse aus
Interviews und Befragung zeigten eine hohe Zufriedenheit mit Zugang und
Qualität der Versorgung. Besonders hervorgehoben wurden Verbesserungen in
der spezialfachärztlichen Behandlung sowie der Abbau finanzieller Hürden für
die Beteiligten. Als Herausforderungen wurden die begrenzten personellen
Kapazitäten, die unsichere finanzielle Absicherung des Projekts, die
eingeschränkte räumliche Erreichbarkeit sowie Sprachbarrieren
wahrgenommen.Das Modellprojekt führte zu einer deutlich verbesserten Versorgung von
Menschen ohne Krankenversicherung. Limitierend waren begrenzte Ressourcen
und hohe Kosten im stationären Bereich. Unklar bleibt, wie viele Betroffene
trotz Bedarf das Angebot nicht genutzt haben. Eine zeitliche und räumliche
Ausweitung des Modellprojekts ist empfehlenswert.
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