Interview: „Extremereignisse erreichen inzwischen Größenordnungen, die kaum noch kontrolliert zu managen sind“
Herr Prof. Drewes, Sie sagen, wir müssten uns in der Wasserwirtschaft von liebgewonnenen Denkmustern verabschieden. Was genau meinen Sie damit?
Wir sind in einer Branche sozialisiert worden, die über Jahrzehnte sehr stabil funktioniert hat. Unsere Systeme waren robust, regelwerksbasiert und langfristig ausgelegt. Diese Zeiten sind vorbei. Heute haben wir es mit einer ganz neuen Dimension von Unsicherheit zu tun – hervorgerufen durch den Klimawandel, durch persistente Spurenstoffe, durch veränderte gesellschaftliche Anforderungen, und vieles mehr. Das heißt, bei der Infrastruktur, die wir heute planen, müssen wir jetzt ganz anders zum Beispiel das Thema Flexibilität in einem Zeitkorridor von 15 bis 25 Jahren mitdenken.
Was so viel heißt, wie: Unsere bisherigen Konzepte stoßen jetzt in Zeiten des Klimawandels zusehends an ihre Grenzen?
Ja, wobei zu sagen ist: Unsere bisherigen Konzepte sind ja nicht falsch gewesen, sie greifen nur jetzt immer öfter zu kurz. Wir müssen flexibler, modularer und auch fehlerfreundlicher werden. Früher hat man eine Anlage für 30 Jahre geplant und gesagt: Das passt. Heute wissen wir nicht, ob die Randbedingungen ein Jahrzehnt später noch dieselben sein werden. Folglich brauchen wir jetzt Systeme, die vor allem flexibel und anpassungsfähig sind. Stark betroffen vom Wandel wird der Abwassersektor sein.
Sie sprechen hier von einem Paradigmenwechsel. Warum?
Weil die neue EU-Kommunalabwasserrichtlinie Abwasser nicht mehr nur als Entsorgungsstrom begreift. Die klassische Behandlung bleibt wichtig, aber sie ist nur noch ein Teil. Wir sprechen von Nährstoffrückgewinnung, Wärmerückgewinnung, Energieneutralität, vierter Reinigungsstufe, Wasserwiederverwendung – und sogar von Abwasser als Informationsquelle für die öffentliche Gesundheit. Die drei Säulen Trinkwasserrichtlinie, Kommunalabwasserrichtlinie und die Wasserwiederverwendungsverordnung bilden zusammen einen neuen Rahmen für den Umgang mit unseren Wasserressourcen. Sie greifen alle ineinander, sind systemisch gedacht und sind alle risikobasiert.
Dann gibt es die klassische Kläranlage künftig gar nicht mehr?
Ich würde sagen: Sie wird zum Dienstleister. Zum Ressourcenrückgewinnungszentrum. Sie liefert Wasserqualität für unterschiedliche Anwendungen, Energie, Nährstoffe – und Daten. Das wird das Selbstverständnis grundlegend verändern. Mit der Kläranlage als Dienstleister im Hinterkopf: Wie sieht künftig das nachhaltig gedachte urbane Wassersystem aus? Wir beschäftigen uns damit tatsächlich schon sehr lange. Und ja – wir haben dazu ein Konzept entwickelt, bei dem sich das gesamte Systemverständnis verschiebt.
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