Lese-Ansicht

Windparks verändern Nordsee-Strömungen

Offshore-Windparks sind ein zentraler Bestandteil der EU-Strategie für erneuerbare Energien: Bis 2050 soll die installierte Leistung in der Nordsee auf mehr als das Zehnfache steigen. Eine aktuelle Studie des Helmholtz-Zentrums Hereon zeigt jedoch, dass dieser Ausbau weitreichende Folgen hat. Demnach kann die zunehmende Nutzung der Offshore-Windenergie den natürlichen Transport sowie die Ablagerung von Sedimenten großräumig und dauerhaft verändern. Besonders stark betroffen ist die Deutsche Bucht. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Nature Communications Earth & Environment veröffentlicht.

Schwebstoffe sind ein wesentlicher Bestandteil der Dynamik in der Nordsee. Sie stammen vom Meeresboden, werden durch Wellen und Strömungen aufgewirbelt, gelangen über den Ärmelkanal aus dem Atlantik in die Nordsee oder werden durch Flüsse eingetragen. Diese Partikel durchlaufen kontinuierlich Zyklen aus Ablagerung und erneuter Aufwirbelung, bis sie sich in strömungsarmen Bereichen als Schlamm absetzen.

Offshore-Windkraftanlagen greifen in diese Prozesse ein, da sie sowohl in der Luft als auch im Wasser als Hindernisse wirken. Sie beeinflussen unter anderem die Schichtung des Meeres in unterschiedlich warme Wasserschichten und verlangsamen die Strömungen über große Distanzen hinweg. Genau diese Faktoren bestimmen, wie sich Schwebstoffe und organische Partikel im Meer bewegen und wo sie letztlich abgelagert werden. Die Forschenden konnten zeigen, dass bestehende Windparks bereits heute eine deutliche räumliche Umverteilung der Sedimente verursachen – betroffen sind jährlich bis zu 1,5 Millionen Tonnen Schlamm inklusive des darin gebundenen Kohlenstoffs.

Sedimentverlagerung beeinflusst auch die Kohlenstoffspeicherung

Ein Teil der Sedimente besteht aus organischem Material, etwa aus abgestorbenen Meerestieren und Pflanzen. Dieses enthält sogenannten partikulären organischen Kohlenstoff (POC), der gemeinsam mit den Partikeln auf den Meeresboden absinkt und dort über sehr lange Zeiträume gespeichert werden kann. Der Meeresboden fungiert somit als Kohlenstoffsenke. Insgesamt leisten die Ozeane einen wichtigen Beitrag zur Bindung von Kohlenstoff und wirken damit dem Klimawandel entgegen.

Deutsche Bucht im Fokus der Veränderungen

Für ihre Untersuchungen nutzten die Forschenden ein neu entwickeltes Computermodell, das erstmals verschiedene Einflussfaktoren wie Atmosphäre, Wellen, Strömungen und Sedimenttransport gemeinsam abbildet. Grundlage dafür waren frühere Studien des Hereon zum Einfluss von Offshore-Windkraftanlagen auf Luft- und Meeresströmungen.

„Unsere Simulationen legen nahe, dass sich der Effekt durch den Ausbau der Offshore-Windparks über die kommenden Jahrzehnte hinweg deutlich verstärken wird. Das kann die langfristige Funktionsweise des Ökosystems und der Kohlenstoffspeicherung in der Nordsee beeinflussen“, sagt Jiayue Chen, Erstautorin der Studie und Wissenschaftlerin am Hereon-Institut für Küstensysteme – Analyse und Modellierung.

Auch Infrastrukturen wie Häfen und Fahrrinnen könnten sich dadurch verändern. Bemerkenswert sei zudem, dass etwa 52 Prozent der gesamten Sedimentumverteilung in der Nordsee im Gebiet der Deutschen Bucht stattfindet. „Das hebt diese Region als besonders betroffen hervor.“ Die Forschenden wollen nun untersuchen, welche Auswirkungen dies auf besonders empfindliche Küstenregionen wie das Wattenmeer hat, für das eine kontinuierliche Sedimentzufuhr essenziell ist, um den ansteigenden Meeresspiegel auszugleichen. Außerdem wird untersucht, inwiefern diese Effekte die Rolle des Meeres als Kohlenstoffsenke beeinflussen.

„Mit einem verbesserten Verständnis der Sedimentverteilung und Kohlenstoffspeicherung in der Nordsee können wir langfristige Risiken für die Küstenstabilität, Navigationssicherheit in der Schifffahrt und die Funktionsweise von Ökosystemen in der Deutschen Bucht abschätzen“, sagt Jiayue Chen. „Unsere Ergebnisse liefern wertvolle Grundlagen für den nachhaltigen Ausbau der Offshore-Windenergie und helfen Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft und Industrie, neue Windparks umweltfreundlich zu planen.“

Forschung für Klima, Küste und Gesellschaft

Das Helmholtz-Zentrum Hereon verfolgt das Ziel, wissenschaftliche Grundlagen für eine lebenswerte Zukunft zu schaffen. Rund 1000 Mitarbeitende erforschen Technologien und Zusammenhänge, die Resilienz und Nachhaltigkeit stärken – insbesondere in den Bereichen Klima, Küste und Mensch. Dabei werden experimentelle Studien, Modellierungen, künstliche Intelligenz und Digitale Zwillinge kombiniert, um komplexe Systeme besser zu verstehen und praxisnahe Lösungen zu entwickeln. Als Teil nationaler und internationaler Forschungsnetzwerke sowie der Helmholtz-Gemeinschaft unterstützt das Hereon den Transfer von Wissen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, um nachhaltige Entwicklungen voranzutreiben.


Originalpublikation: Sediment transport pathways and organic carbon burial impacted by offshore wind farms in shelf seas | Communications Earth & Environment

The post Windparks verändern Nordsee-Strömungen appeared first on gwf-wasser.de.

Goldrausch im Regenwald – Wenn Flüsse zu Gift werden

Illegaler Goldbergbau breitet sich rasch in bislang unberührte Regionen des Amazonas in Peru aus und stellt eine schwere Umwelt- und Gesundheitskrise dar, die irreparable Schäden verursachen könnte.

Lange Zeit war die illegale Goldgewinnung vor allem in der südlichen Amazonasregion Madre de Dios konzentriert. Inzwischen verlagert sie sich aber in neue Gebiete im Norden, darunter die Regionen Loreto, Ucayali und Huánuco. Treibende Kräfte hinter dieser Expansion sind unter anderem steigende Goldpreise nahe 2.000 US-Dollar pro Unze.

Folgen der Goldgewinnung

Forschende, Umweltorganisationen und indigene Gemeinden berichten, dass die Aktivitäten die Entwaldung beschleunigen, Flüsse mit Quecksilber kontaminieren, und in indigene Territorien vordringen. Auf dem Boden hinterlassen die illegalen Minen trübe, zerstörte Flusslandschaften, während einst üppige Wälder innerhalb weniger Wochen degradiert werden. Zudem sind Verbrechen und Gewalt von kriminellen Netzwerken Teil dieses expandierenden Bergbaus.

Die peruanische Regierung hat zwar einige Maßnahmen ergriffen, darunter die Bildung einer multisektoralen Kommission zur Bekämpfung des illegalen Bergbaus und Beschlagnahmen von Ausrüstung im Wert von über 16 Millionen US-Dollar. Doch diese Schritte zeigen bislang nur begrenzte Wirkung vor Ort.

Einsatz von Quecksilber

Ein besonders schwerwiegendes Problem ist der Einsatz von Quecksilber bei der Goldgewinnung. Es wird verwendet, um Goldpartikel zu trennen, gelangt aber in die Flüsse und reichert sich in Fischen und Menschen an. Wissenschaftler warnen, dass dies zu einer weiten Quecksilbervergiftung in der Bevölkerung führen könnte – analog zur historischen Minamata-Krankheit in Japan.

Indigene Gemeinschaften, die auf Fisch und Flusswasser angewiesen sind, stehen dabei besonders im Risiko. Dies macht die Krise nicht nur zu einem ökologischen, sondern auch zu einem sozialen und gesundheitlichen Problem, das weit über Peru hinaus wirkt.


Quelle: APNews

The post Goldrausch im Regenwald – Wenn Flüsse zu Gift werden appeared first on gwf-wasser.de.

Weltwassertag 2026: Water and Gender

Der DVGW Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches arbeitet gemeinsam mit den Versorgungsunternehmen daran, diese für Gesellschaft und Wirtschaft unverzichtbare Ressource dauerhaft zu schützen und die Weichen für eine robuste Wasserzukunft zu stellen. Denn die Branche in Deutschland steht vor tiefgreifenden Herausforderungen. Steigende Anforderungen an Versorgungssicherheit, Netzinfrastruktur und Gewässerschutz im Klimawandel verlangen entschlossenes Handeln. Zugleich gewinnt die Fachkräftesicherung weiter an Bedeutung – ebenso wie die stärkere Aktivierung von Frauen für technische Berufe, die für die Zukunftsfähigkeit der Wasserwirtschaft unverzichtbar sind.

Klimawandel und Resilienz der Wasserressourcen

Hitze- und Trockenperioden, regional sinkende Grundwasserstände und Nutzungskonkurrenzen verstärken den Druck auf die Ressource Wasser. Mit neuen Technischen Regeln, Forschung zu resilienter Ressourcenbewirtschaftung und Leitfäden für regionale Kooperationen stärkt der DVGW die Handlungsfähigkeit und Planungssicherheit der Branche.

Schutz der Wasserressourcen vor neuen Stoffeinträgen

Nitrat, PFAS, Pflanzenschutzmittel und Arzneimittelrückstände geraten zunehmend in den Blick. Der DVGW setzt sich für einen vorsorgenden Gewässerschutz ein und fordert strengere Eintragskontrollen und klare regulatorische Rahmenbedingungen – damit Verursacher künftig stärker zur Verantwortung gezogen werden können.

Digitalisierung und Effizienz im Asset-Management

Moderne Monitoring-Systeme, KI-gestützte Netzüberwachung und digitale Zwillinge eröffnen neue Möglichkeiten in Planung, Betrieb und Instandhaltung. Der DVGW entwickelt Standards und wissenschaftlich fundierte Ansätze, die Versorgern helfen, diese Technologien sicher, effizient und wirtschaftlich einzusetzen.

Fachkräftesicherung und Aktivierung von Frauen

In den aktuell 24 DVGW‑Berufs- und Hochschulgruppen wird der technisch-gewerbliche und akademische Nachwuchs bereits während der Ausbildung durch Praxiskontakte zu über 4.000 DVGW‑Mitgliedsunternehmen begleitet. Kostenfreie Förderangebote wie das verbandsübergreifende Mentoring-Programm oder die Teilnahme an Fachtagungen und Kongressen schaffen zusätzliche Räume für Wissensaustausch und den Aufbau beruflicher Netzwerke. Seit der Gründung des „Jungen DVGW“ im Jahr 2024 und mit den darauf abgestimmten zielgruppenorientierten Formaten verzeichnet der DVGW eine stabile Mitgliederentwicklung bei den unter 36‑Jährigen. Besonders erfreulich: Der Anteil engagierter junger Frauen wächst kontinuierlich und liegt inzwischen bei 20 Prozent dieser Altersgruppe.

Wolf Merkel, Vorstand Wasser des DVGW, unterstreicht: „Die Anforderungen an eine sichere und qualitativ hochwertige Trinkwasserversorgung steigen stetig. Trotz aller Herausforderungen bleibt die Branche handlungsfähig: Mit starken Technischen Regeln, wissenschaftlicher Expertise und strategischer Kompetenz schaffen wir die Grundlage für eine zukunftsfeste Versorgung. Gleichzeitig leistet der DVGW mit der gezielten Förderung junger Fachkräfte einen wichtigen Beitrag zur langfristigen Stabilität der Energie- und Wasserwirtschaft. Diesen Weg werden wir konsequent weitergehen – damit die Versorgung mit hochwertigem Wasser resilient, nachhaltig und für alle Menschen in Deutschland verlässlich bleibt.“

Der Weltwassertag wird seit 1993 jährlich am 22. März begangen. Er macht auf die Bedeutung von Wasser als unverzichtbare Lebensgrundlage aufmerksam.


Quelle: DVGW


Auch BDEW-Hauptgeschäftsführer Martin Weyand, dass ein gerechter Zugang zu Wasser und Sanitätsversorgung für alle Menschen weltweit gewährleistet werden sollte. Er erklärt:

„Der Zugang zu sauberem Trinkwasser in ausreichender Menge und Qualität ist ein Grundrecht und die Basis gesellschaftlicher Teilhabe und Gesundheit. In Deutschland gewährleistet die öffentliche Wasserwirtschaft ein hohes Versorgungsniveau – darauf können sich alle Menschen unabhängig von Lebenssituation oder sozialem Hintergrund verlassen.

Um die hohe Qualität unserer Wasserressourcen dauerhaft zu sichern, ist der Schutz vor Belastungen entscheidend. In Deutschland stellen insbesondere Einträge von Nitrat aus der Landwirtschaft in Grund- und Oberflächengewässern eine Herausforderung für die Wasserqualität dar. Der nachhaltige und ressourceneffiziente Umgang mit Nährstoffen ist deshalb als entschiedenes Leitprinzip im Düngegesetz verankert. Ein effizienter Umgang mit Düngemitteln ist schließlich nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus ökonomischer Sicht sinnvoll. Dennoch wird in Deutschland und auch in anderen EU-Staaten der in der EU-Nitratrichtlinie festgelegte Grenzwert von 50 mg Nitrat pro Liter im Grundwasser nicht flächendeckend erreicht.

Grund- und Oberflächengewässer sind eine zentrale Lebensgrundlage, Basis der Trinkwasserversorgung und ein unverzichtbares öffentliches Gut. Eine Abschwächung der Nitrat-Richtlinie oder des nationalen Düngerechts würde den hohen Stellenwert des Gewässerschutzes diskreditieren und ein falsches Signal im Angesicht einer weiterhin bestehenden Belastungssituation senden. Entscheidend zur Verminderung von Düngeeinträgen ist neben der Rechtsicherheit die konsequente Umsetzung wirksamer Maßnahmen. Dazu gehört ein verursachergerechtes und wissenschaftlich fundiertes Wirkungsmonitoring, das eine ganzheitliche Bilanzierung von Nährstoffen in landwirtschaftlichen Betrieben und somit Rückschlüsse auf die tatsächliche Wirksamkeit von Maßnahmen in der Praxis ermöglicht.“


Quelle: Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V

The post Weltwassertag 2026: Water and Gender appeared first on gwf-wasser.de.

KRITIS-Dachgesetz: Neuer Rahmen für mehr Resilienz und Sicherheit

Am 6. März 2026 hat der Bundesrat dem KRITIS-Dachgesetz endgültig zugestimmt. Damit werden erstmals einheitliche Standards für den physischen Schutz kritischer Infrastrukturen erlassen. Energie-, Wasser- und Telekommunikationsversorger sowie Abwasser- und Abfallbetriebe sollen künftig Risikoanalysen erstellen, Sicherheitsmaßnahmen umsetzen und schwere Störungen melden. Ziel ist, die Versorgung besser gegen Sabotage, extreme Wetterereignisse und Terrorangriffe zu schützen. Für die Wasserwirtschaft bedeutet das: Risiken müssen systematisch analysiert, Resilienzmaßnahmen umgesetzt und sicherheitsrelevante Störungen verpflichtend gemeldet werden.

Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) begrüßte die Entscheidung. VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing sagt: „Das jahrelange Warten hat ein Ende. Die Einigung ist ein wichtiger Schritt für den Schutz kritischer Infrastrukturen. Die Unternehmen haben damit endlich Rechts- und Planungssicherheit für ihre Investitionen.“ Die Zustimmung des Bundesrats sei überfällig.

Das KRITIS-Dachgesetz ist ein Bekenntnis zur Resilienz

Hinter der politischen Einigung steht mehr als eine reine Verwaltungsvorgabe. Das Dachgesetz ist ein Bekenntnis zur Resilienz, wie sie in Zeiten zunehmender Sabotagerisiken, extremer Wetterereignisse und geopolitischer Spannungen dringlicher denn je wird. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) begrüßt das Gesetz grundsätzlich, warnt jedoch vor übermäßiger Bürokratie. „Resilienz ist kein Selbstläufer“, betont der VKU. Ohne eine fundierte nationale Risikoanalyse, praktikable Meldepflichten und eine finanzielle Flankierung könne das Gesetz zu einer „halben Lösung“ werden.

Liebing verwies zudem auf die Grenzen der Betreiber. „100-prozentige Sicherheit gibt es nicht“, sagt er. „Die Abwehr von Terrorangriffen bleibt Aufgabe von Bund und Ländern. Stadtwerke, Wasserversorger und Müllabfuhren sind nicht die Polizei.“

Gleichzeitig erneuert der VKU seine Vorschläge für den besseren Schutz kritischer Infrastrukturen:

  1. Schutz kritischer Infrastrukturen zum überragenden öffentlichen Interesse erklären, um Abwägungen zu beschleunigen und Sicherheitsinteressen zu priorisieren.
  2. Neubewertung und Anpassung von Transparenzpflichten
  3. Nationale Gesamtstrategie und Risikoanalyse vorlegen, wie es die CER‑Richtlinie bereits seit Januar verlangt.
  4. Nationale Notfallreserve aufbauen, u. a. mit Großgeräten für Inselnetzversorgung binnen 24 Stunden.
  5. Finanzierung sichern, u. a. über die Ausnahme von der Schuldenbremse (Art. 109 GG) und das SVIK.

Infrastrukturbetreiber müssen heute viele Daten offenlegen, zum Beispiel durch Transparenzregeln, das Informationsfreiheitsgesetz oder Open-Data-Vorgaben. Dort, wo solche Offenlegungen aber die physische und/oder IT-Sicherheit gefährden, sollten die Regeln überprüft und angepasst werden. Der VKU begrüßt, dass dieser Aspekt in der Protokollerklärung der Bundesregierung aufgegriffen wurde.

Hintergrund zum Dachgesetz

Das Kritis-Dachgesetz schafft erstmals Mindeststandards für den Schutz kritischer Infrastrukturen vor physischen Angriffen, verpflichtet zu Risiko- und Resilienzplänen und Einführung von Krisenmanagementsystemen sowie zur Meldung größerer Störungen oder Vorfälle an Behörden wie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) oder Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Das Kritis-Dachgesetz schreibt außer einer Risikoanalyse und Risikobewertung keine weiteren konkreten Maßnahmen vor. Was Unternehmen konkret machen müssen, wird erst später in entsprechenden Gesetzen und Verordnungen des Bundesministeriums des Inneren bzw. später der Fachministerien oder durch branchenspezifische Sicherheitsstandards geregelt. Insgesamt werden elf Sektoren adressiert, unter anderem Energie-, Wasser-, Abfall- und Telekommunikationswirtschaft.

Mit dem Kritis-Dachgesetz will Deutschland die EU-Richtlinie über die Resilienz kritischer Einrichtungen (sog. CER-Richtlinie) in deutsches Recht umsetzen. Das hätte eigentlich schon bis zum 17. Oktober 2024 passieren müssen. Deshalb hat die EU-Kommission bereits ein Vertragsverletzungsverfahren in Gang gesetzt. Frist zur Umsetzung der Maßnahmen ist der 17. Juli 2026. Schutz vor Cyber-Angriffen adressiert wiederum die NIS2-Richtlinie.

Statement des VKU, bevor der Bundesrat am 6.3. zugestimmt hat

KRITIS Gipfel 2026 von BDEW und VKU

Mit dem ersten KRITIS‑Gipfel 2026 am 10. März in Berlin senden der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) ein Signal: Der Schutz kritischer Infrastrukturen muss in Deutschland deutlich stärker in den Fokus rücken.

Zum Auftakt gaben BDEW‑Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae, VKU‑Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing, Hans‑Georg Engelke, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, sowie Generalleutnant André Bodemann Impulse zu strategischer Vorsorge und aktuellen Bedrohungslagen. Anschließend diskutierten zwei Panels die Lehren aus dem jüngsten Stromausfall in Berlin sowie den aktuellen Stand der zivilen Verteidigung in Deutschland.

Zentrale Forderungen von BDEW und VKU

Anlässlich des Gipfels formulieren BDEW und VKU drei zentrale Forderungen für einen wirksamen Schutz kritischer Infrastrukturen:

Neubewertung und Anpassung von Transparenzpflichten

Energieunternehmen müssen heute viele Daten offenlegen, zum Beispiel durch Transparenzregeln, das Informationsfreiheitsgesetz oder Open-Data-Vorgaben. Dort, wo solche Offenlegungen aber die physische und/oder IT-Sicherheit gefährden, etwa weil Angreifer dadurch Schwachstellen erkennen können, sollten die Regeln überprüft und angepasst werden. Ziel ist es, Angriffsflächen so gering wie möglich zu halten.

Ausfallsichere Kommunikation

Für Krisenfälle braucht es auch dann funktionierende Kommunikationswege zwischen Betreibern und Behörden, wenn das „normale“ Netz ausfällt. Wichtig ist deshalb eine ausfallsichere Kommunikationsinfrastruktur für einen schnellen Versorgungs- und Netzwiederaufbau, die selbst im Blackout weiterläuft. Ein Beispiel dafür ist das schwarzfallfeste 450-MHz-Funknetz für die Energie- und Wasserwirtschaft.

Finanzierung erhöhter Schutz- und Resilienzmaßnahmen

Die Sicherheit kritischer Infrastrukturen braucht klare gesetzliche Vorgaben und eine (regulatorisch) gesicherte Kosten- bzw. Entgeltanerkennung. Dazu gehört auch, dass Kosten für Schutzmaßnahmen, Reparaturen nach Angriffen oder Notfallpläne (wie Krisen- und Business Continuity Management) anerkannt und übernommen werden. Die Finanzierung sollte teilweise über den Verteidigungshaushalt, der nicht unter die Schuldenbremse fällt, sowie einen noch einzurichtenden Resilienzfonds erfolgen.

BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae (Thomas Imo Photothek/BDEW)

BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae:

„Ein lückenloser Schutz kritischer Infrastruktur wird nie vollständig möglich sein. Umso entscheidender ist es, dass Betreiber schnell Klarheit und belastbare Vorgaben haben, um Risiken realistisch bewerten und wirksame Schutzmaßnahmen ergreifen zu können. Eine zentrale Lehre aus dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz ist vor diesem Hintergrund, bestehende Transparenzpflichten neu zu bewerten. Die Verfügbarkeit von Leistungs- und Geodaten kritischer Infrastrukturen schafft Vertrauen, sollte aber so gestaltet sein, dass operative Angriffsflächen vermieden werden. Gleichzeitig müssen wir unsere Fähigkeit stärken, Störungen schnell zu bewältigen und Systeme wiederherzustellen. Dafür sind eine enge Zusammenarbeit und ein kontinuierlicher Informationsaustausch zwischen Branche und Behörden unverzichtbar. Und wir brauchen einen institutionalisierten Austausch zwischen Unternehmen kritischer Infrastrukturen, Politik und Behörden bis hin zum Nationalen Sicherheitsrat. Nur so lassen sich ein gemeinsames Lagebild und ein schneller Informationsfluss sicherstellen.“

VKU‑Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing:

„Der Schutz kritischer Infrastrukturen ist eine gesamtstaatliche Aufgabe. Ohne starke kommunale und regionale Strukturen bleibt jedoch jede Strategie Stückwerk. Gleichzeitig müssen wir klar über die Grenzen der Betreiber sprechen: 100‑prozentige Sicherheit gibt es nicht. Die Abwehr von Terrorangriffen bleibt Aufgabe von Bund und Ländern. Stadtwerke sind nicht die Polizei. Wir brauchen deshalb eindeutige politische Prioritäten, schnellere Verfahren und eine verlässliche Finanzierung. Resilienz ist nicht optional. Sie ist Grundlage dafür, dass unsere Gesellschaft funktionieren kann. Deshalb sollte der Bund auch eine nationale Notfallreserve aufbauen, unter anderem mit mobilen Großaggregaten zur Wiederherstellung von Inselnetzstrukturen, um die Energieversorgung idealerweise innerhalb von 24 Stunden wiederherzustellen.“


Quellen: VKU, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, BDEW

The post KRITIS-Dachgesetz: Neuer Rahmen für mehr Resilienz und Sicherheit appeared first on gwf-wasser.de.

Über 40 Prozent der großen Süßwassertierarten in fremde Gewässer eingeführt

Der Nilbarsch im Viktoriasee ist ein prominentes Beispiel für die komplexen ökologischen und sozioökonomischen Auswirkungen, die durch gebietsfremde Süßwasser-Megafauna verursacht werden. Die gezielte Ansiedlung dieser großen Fischart im Viktoriasee sollte die Fischerei eigentlich verbessern – doch sie hatte gravierende, unterschätzte Folgen: Die Bestände einheimischer Fische gingen zurück, lokale Fischer verloren ihre Lebensgrundlage, und in den umliegenden Gemeinden nahm die chronische Unterernährung bei Kindern und Müttern zu.

„Solche schädlichen Auswirkungen eingeführter großer Süßwassertiere – insbesondere auf gefährdete oder marginalisierte lokale Gemeinschaften – sind oft komplex und erfordern eine langfristige Beobachtung, um ihr Ausmaß zu verstehen. Im Vergleich zu den Vorteilen könnten die negativen Effekte auf die lokale Bevölkerung in vielen Regionen unterschätzt sein“, sagt Fengzhi He, Professor am Institut für Geographie und Agrarökologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften sowie Gastwissenschaftler am IGB.

Er beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit Süßwasser-Megafauna und ist Letztautor dieser Studie, in der das Team die erste globale Bewertung der sozioökonomischen Auswirkungen gebietsfremder Süßwasser-Megafauna durchgeführt hat.

Basierend auf dem Rahmenwerk „Nature’s Contributions to People“ (NCP) und dem Rahmenwerk „Socio-Economic Impact Classification for Alien Taxa“ (SEICAT) kategorisierten die Forschenden sowohl positive als auch negative Auswirkungen und quantifizierten das Ausmaß der Auswirkungen.

40 Prozent der Megafauna-Arten in 142 Länder und Regionen bewusst eingeschleppt

Kleine Arten gelangen oft unbemerkt in neue Gewässer – sie haften an Schiffsrümpfen oder Fischereiausrüstung oder werden von Vögeln transportiert. Süßwasser-Megafauna-Arten sind Tiere mit einem Gewicht von mindestens 30 Kilogramm. Sie werden oft absichtlich außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets eingeführt, weil sie mit einem hohen wirtschaftlichen oder ästhetischen Wert in Verbindung gebracht werden. Das Team identifizierte 93 gebietsfremde Süßwasser-Megafauna-Arten (43 Prozent der 216 existierenden Arten), die außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets eingeführt wurden. Diese Einführungen erstrecken sich über 142 Länder und Regionen auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis. Die USA haben die höchste Anzahl an eingeführten Süßwasser-Megafauna-Arten (52), gefolgt von China (28), Kanada (23), Russland (19), Belgien (18) und Deutschland (17).

Fast jede zweite untersuchte eingeschleppte Megafauna-Art birgt auch Probleme

Die Studie zeigt, dass von 59 gebietsfremden großen Süßwassertieren, für die ein Nutzen dokumentiert ist, 26 auch negative Auswirkungen haben. Dies gilt insbesondere für große Fischarten wie Karpfen, Lachsartige und Welse. Fast jede zweite dieser Arten bringt demnach nicht nur Vorteile, sondern verursacht Probleme für die heimische Artenvielfalt oder die lokale Bevölkerung. Hierzu zählen neben einer verminderten Ernährungssicherheit auch erhöhte Risiken für die menschliche Gesundheit, Sicherheitsrisiken durch aggressive oder giftige Arten oder Schäden an Eigentum und Infrastruktur.

Eingeschleppte Arten bergen Gefahren für einheimische Arten. Hier zu sehen ein Wels. (Quelle: Michel Roggo)

Wirtschaftliche Vorteile für einzelne Gruppen treiben die Einführung voran

Die Studie ergab zudem, dass die sozioökonomischen Vorteile der eingeführten Süßwasser-Megafauna häufig nur für bestimmte Personengruppen in den betreffenden Regionen entstehen. Die Vorteile wurden vor allem in der Aquakultur und in der Fischerei dokumentiert (57 Prozent), gefolgt von Freizeitaktivitäten wie Angeln und Ökotourismus (20 Prozent) sowie der Bereitstellung von Materialien und der Nutzung als exotische Heimtiere (12 Prozent). Große Süßwassertiere wurden auch in der Hoffnung eingeführt, die natürliche Umwelt zu verbessern. Beispielsweise wurden Silberkarpfen und Marmorkarpfen eingesetzt, um übermäßiges Phytoplanktonwachstum zu kontrollieren, während Graskarpfen zur Reduktion von Wasserpflanzen eingeführt wurden.

Einige Süßwasser-Megafauna-Arten wurden absichtlich für den Handel mit Heimtieren oder für Lederprodukte importiert.

„Wir waren sehr überrascht, dass einige Krokodile für den Handel mit Heimtieren eingeführt wurden. Zum Beispiel werden Brillenkaimane in den USA als Heimtiere gehalten“, sagte Dr. Xing Chen, ehemaliger Doktorand am IGB und Hauptautor der Studie. „In China werden sie oft wegen ihrer Haut eingebracht, um Lederprodukte herzustellen.“

Eine strengere Risikobewertung ist wünschenswert

Da die Einführung von Süßwasser-Megafauna aufgrund der erwarteten wirtschaftlichen Vorteile voraussichtlich weiter zunimmt, empfehlen die Autor*innen eine fundierte Risikobewertung, eine verbesserte Überwachung sowie eine transparenten Kommunikation der positiven wie negativen Folgen.

„Um wirtschaftliche Entwicklung, Biodiversitätsschutz und menschliches Wohlergehen in Einklang zu bringen, braucht es ein umfassendes Verständnis der Chancen und Risiken von Arteinführungen“, sagt Prof. Sonja Jähnig, ebenfalls Letztautorin der Studie und Direktorin des IGB.


Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. Sonja Jähnig, IGB

Originalpublikation:
Xing Chen, Thomas G. Evans, Jonathan M. Jeschke, Phoebe Griffith, Sonja C. Jähnig, Fengzhi He, Global assessment of alien freshwater megafauna reveals complex socio-economic impacts, One Earth, 2026, 101623, ISSN 2590-3322,
https://doi.org/10.1016/j.oneear.2026.101623

The post Über 40 Prozent der großen Süßwassertierarten in fremde Gewässer eingeführt appeared first on gwf-wasser.de.

Wien erneuert Hochquellenleitung

Während der Wartungsarbeiten bleibt die Wasserversorgung über die I. Hochquellenleitung und die Grundwasserbrunnen in den Wiener Schutzgebieten gewährleistet, so die Stadt.

„Die Hochquellenleitungen sind die Grundsäulen der Wiener Wasserversorgung. Die Mitarbeiter*innen von Wiener Wasser tragen mit der Instandhaltung der 330 km langen Leitungen eine große Verantwortung“, betont Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky und ergänzt: „Die Hochquellenleitungen liefern unser wichtigstes Lebensmittel in bester Qualität und ersparen Wien enorme Energiekosten.“

Wien investiert jährlich rund 130 Mio. Euro in die Wasser-Infrastruktur. Ziel der Stadt ist es, die Versorgungssicherheit weiter zu stärken und die Systeme an steigenden Wasserbedarf und Klimaherauforderungen anzupassen. Grundlage ist die Strategie „Wiener Wasser 2050“, die auch die laufende Wartung historischer Bauwerke umfasst.

Sanierung der Düker entlang der II. Hochquellenleitung

Neben der regelmäßigen Instandhaltung ist bei der II. Hochquellenleitung die Sanierung ihrer sogenannten Düker vorgesehen – jene Druckleitungen, mit denen die Leitung 19 Täler und Flüsse unterquert. Da in diesen Abschnitten hoher Wasserdruck herrscht, ist die Beanspruchung des Materials besonders groß. In den kommenden Jahren werden daher vier der Düker schrittweise saniert.

„Die Wienerinnen und Wiener können sicher sein, dass wir alles tun, um unsere Hochquellenleitungen in einem top Zustand zu erhalten“, erklärt der Wiener-Wasser-Chef Paul Hellmeier. „Das ist angesichts des hohen Alters der beiden Bauwerke manchmal eine Herausforderung. Aber generell muss man – angesichts der damaligen technischen Möglichkeiten – die zukunftsfähige Bauweise wertschätzen.“

Regelmäßige Wartung im Rahmen der „Abkehr“

Die Wartungsarbeiten an den Hochquellenleitungen erfolgen im Frühjahr und Herbst, wenn der Wasserverbrauch niedriger ist. Je Leitung wird die sogenannte „Abkehr“ viermal jährlich durchgeführt. Dabei wird das Quellwasser im Quellgebiet in die Salza oder Schwarza ausgeleitet, um den Zugang zum Stollen zu ermöglichen. Während dieser bis zu fünf Tage dauernden Arbeiten werden die Leitungen gereinigt, inspiziert und gegebenenfalls Fugen instandgesetzt. Im Zuge der aktuellen Frühjahrsarbeiten besuchen Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky und Gemeinderätin Susanne Haase die Baustelle im Bereich Hofstetten (NÖ). Czernohorszky betont:

„Der Frühjahrsputz in der II. Hochquellenleitung ist nur möglich, weil sich die Wiener Wasserversorgung auf unterschiedliche Wasserressourcen stützt. Das zeigt, wie wichtig die Wiener Trinkwasser-Strategie ist, mit der die verfügbaren Wassermengen erhöht und höhere Wassermengen gespeichert werden sollen. In Neusiedl am Steinfeld (NÖ) etwa entsteht derzeit der größte Trinkwasserbehälter der Welt, in dem in Zukunft rund 1 Mrd. Liter Wasser gespeichert werden können.“

Während der Abkehr werden die 29 Wiener Wasserbehälter bis zum maximalen Pegelstand gefüllt. Zusätzlich kann bei Bedarf Wasser aus rund 30 Brunnen in das Netz eingespeist werden. Nach Abschluss der Arbeiten fließt wieder Hochquellwasser aus beiden Leitungen in die Stadt.


(Quelle: Stadt Wien)

The post Wien erneuert Hochquellenleitung appeared first on gwf-wasser.de.

Studie zur Kohlenstofffreisetzung aus Torfseen im Kongobecken

Ein interdisziplinäres Forschungsteam unter der Leitung der ETH Zürich hat in den letzten zehn Jahren untersucht, welche Rolle große Schwarzwasserseen im zentralen Kongobecken für den globalen Kohlenstoffkreislauf spielen. Im Fokus standen der Lac Mai Ndombe und der Lac Tumba in der Demokratischen Republik Kongo.

Die Forschenden analysierten das im Seewasser gelöste CO2 mithilfe von Radiokarbondatierungen, um dessen Herkunft und Alter zu bestimmen. Dabei zeigte sich, dass ein erheblicher Teil des freigesetzten Kohlenstoffs nicht aus jüngst abgestorbener Biomasse stammt.

Bis zu 40 Prozent aus Jahrtausende altem Torf

Den Ergebnissen zufolge stammen bis zu 40 Prozent des emittierten Kohlenstoffs aus Torf, der sich in den umliegenden Sumpf- und Waldgebieten über Tausende von Jahren angesammelt hat. Damit widerlegen die Daten die bisherige Annahme, dass dieser Kohlenstoff langfristig stabil gebunden bleibt.

Die Torfgebiete des Kongobeckens nehmen lediglich rund 0,3 Prozent der globalen Landfläche ein, speichern jedoch etwa ein Drittel des Kohlenstoffs tropischer Torfgebiete. Ihre Bedeutung für das globale Klimasystem gilt daher als hoch.

Bedeutung tropischer Torfökosysteme

Tropische Sumpf- und Torfgebiete spielen demnach eine zentrale Rolle im globalen Kohlenstoffkreislauf. Im Amazonasbecken, im Kongobecken und in den Feuchtgebieten Südostasiens lagern große Mengen an Kohlenstoff in Form von abgestorbenem, nur langsam zersetztem Pflanzenmaterial. Schätzungen zufolge speichern diese Ökosysteme rund 100 Gigatonnen Kohlenstoff und übernehmen damit eine wichtige Funktion für die langfristige Bindung von Treibhausgasen.

Mechanismen noch ungeklärt

Unklar bleibt, wie der alte Kohlenstoff mobilisiert wird und auf welchem Weg er in die Seen gelangt. Die Forschenden wollen klären, ob es sich um ein langfristig stabiles Gleichgewicht handelt oder um einen Prozess, der auf eine Destabilisierung des Ökosystems hinweist.

Klimatische Veränderungen könnten diesen Prozess verstärken. Längere Trocknungsperioden würden das Austrocknen von Torfschichten begünstigen, wodurch Sauerstoff in tiefere Schichten eindringt und mikrobieller Abbau gefördert wird.

Einfluss von Wasserstand und Landnutzung

In einer ergänzenden Untersuchung analysierte das Team auch Methan- und Lachgasemissionen aus dem Lac Mai Ndombe. Dabei zeigte sich, dass der Wasserstand einen deutlichen Einfluss auf die Methanfreisetzung hat: Niedrige Pegel begünstigen höhere Emissionen.

„Wir befürchten, dass der Klimawandel auch dieses Gleichgewicht aus dem Lot bringt. Werden Trockenheiten länger und intensiver, könnten die Schwarzwasserseen dieser Region zu bedeutenden Quellen von Methan werden, die das globale Klima beeinflussen. Wann der Kipppunkt erreicht ist, wissen wir derzeit nicht“, so ETH-Professor Jordon Hemingway.

Neben klimatischen Faktoren könnten auch Landnutzungsänderungen, etwa Entwaldung und die Ausweitung landwirtschaftlicher Flächen, den Wasserhaushalt und damit die Emissionen beeinflussen.

„Wir alle kennen die Analogie: Wälder sind die grüne Lunge der Erde. Sie sind jedoch nicht nur für den Gasaustausch verantwortlich wie die Lunge, sondern sie verdunsten über ihre Blätter Wasser und reichern damit die Atmosphäre mit Wasserdampf an. Das fördert die Wolkenbildung und den Niederschlag, der wiederum Flüsse und Seen speist“, so Matti Barthel von der ETH Zürich.

Die Arbeiten entstanden im Rahmen des von der ETH Zürich geleiteten Projekts TropSED in Zusammenarbeit mit der Universität Louvain in Belgien sowie der Demokratischen Republik Kongo. Der Schweizerische Nationalfonds förderte das Projekt.


(Quelle: ETH Zürich)

The post Studie zur Kohlenstofffreisetzung aus Torfseen im Kongobecken appeared first on gwf-wasser.de.

Wettlauf mit der Tide: Leitungsreparatur auf Wangerooge

Nach Abschluss der Bauarbeiten im Meeresboden kann der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) die Nordseeinsel wieder über drei parallel verlaufende Leitungen mit frischem Trinkwasser beliefern. Das bedeutet volle Versorgungssicherheit rechtzeitig vor dem Beginn der Osterferien, wenn zusätzlich zu den knapp 1.100 Einheimischen zahlreiche Feriengäste Wasser benötigen. Insgesamt sind es etwa 190.000 Kubikmeter Wasser im Jahr, die aus den OOWV-Wasserwerken Harlingerland und Sandelermöns nach Wangerooge strömen.

Bis das Wasser wiederkommt

Das neue blaue Rohrstück ist eingesetzt. Jetzt muss noch gespült werden, bis die Leitung wieder Trinkwasser zur Insel liefert.

Das neue blaue Rohrstück ist eingesetzt. Jetzt muss noch gespült werden, bis die Leitung wieder Trinkwasser zur Insel liefert. (Quelle: Matthias Ziegs/OOWV)

Für diesen Reparatureinsatz war frühes Aufstehen und Hand-in-Hand-Arbeit von mehreren Wattenmeer-erfahrenen Partnern gefragt – sowie im Vorfeld ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Behörden. Noch vor dem Morgengrauen waren drei mit extrabreiten Kettenlaufwerken ausgestattete Bagger der ostfriesischen Baufirma Jeschke im Hafen Harlesiel auf ein Arbeitsboot der Wittmunder Reederei Warrings gerollt. Dieses ließ sich einige Stunden später mitten im Watt, gut vier Kilometer vom Festland entfernt, trockenfallen – und für den Bautrupp des Wilhelmshavener Unternehmens Ludwig Freytag und die unterstützenden OOWV-Kollegen begann die Uhr zu ticken.

„Das Zeitfenster für die Reparatur ist kurz, es stehen maximal drei Stunden zur Verfügung, bis das Wasser wiederkommt“, beschreibt Matthias Ziegs die Herausforderung.

Er ist Leiter der OOWV-Betriebsstelle in Schortens, deren Team die 7,5 Kilometer lange Wattleitung vom Festland aus technisch betreut. Dabei arbeitet er eng mit Kai Selke zusammen, Anlagenkoordinator für das Wasserwerk Wangerooge, das als Speicherpumpwerk genutzt und ansonsten für den Notfall bereitgehalten wird.

„Die Überwachung aus der Ferne funktioniert problemlos. Den Leitungsdefekt haben wir mit Kai Selke durch einen gemessenen Druckabfall direkt bemerkt“, berichtet Matthias Ziegs.

Unterstützung durch Drohneneinsatz

Mit dieser Rettungsdrohne unterstützte die DLRG den OOWV im Rahmen eines Ausbildungsflugs beim Aufspüren der Schadstelle.

Mit dieser Rettungsdrohne unterstützte die DLRG den OOWV im Rahmen eines Ausbildungsflugs beim Aufspüren der Schadstelle.

Beim Auffinden des Lecks in der 1962 verlegten und 125 Millimeter starken Rohrleitung hatte das OOWV-Team Unterstützung aus der Luft. Die Fernerkundungsstaffel der Ortsgruppe Varel der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) half im Rahmen eines Ausbildungsflugs mit ihrer Rettungsdrohne, die Stelle zu finden, wo das wärmere Trinkwasser ins noch winterlich kalte Meer sprudelte.

„Schon nach 20 Minuten Suche hatte die DLRG-Drohne den Rohrschaden mithilfe ihrer Wärmebildkamera lokalisiert. GPS-Koordinaten und eine 360-Grad-Aufnahme der Schadstelle wurden gleich mitgeliefert“, freut sich der für die Landkreise Wittmund und Friesland zuständige OOWV-Regionalleiter Bernd Janssen über die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen DLRG und Wasserverband.

„Das hat wunderbar geklappt und ist für uns eine wertvolle Katastrophenschutz-Übung“, bestätigt Yasha Kube, Leiter Einsatz der DLRG Varel.

Mithilfe einer Wärmebildkamera war das Leck schnell gefunden und das DLRG-Team konnte dem OOWV die genaue Lage übermitteln.

Mithilfe einer Wärmebildkamera war das Leck schnell gefunden und das DLRG-Team konnte dem OOWV die genaue Lage übermitteln. (Quelle: Matthias Ziegs/OOWV)

Die beim Drohneneinsatz gesammelten Daten, Bilder und Videos halfen, auf Anhieb exakt den richtigen Abschnitt der mehrere Meter unter dem Meeresboden verlaufenden Leitung freizulegen. Erst mit Baggern und später mit Spaten für die Feinarbeit tastete sich der Bautrupp am Mittwoch an die Schadstelle heran. Dann galt es, das defekte Rohrstück herauszutrennen und die Versorgungsleitung mit zwei Muffen und einem Stück neuen Rohr wieder zu verbinden. Schließlich hieß es „Wasser marsch“ – zunächst testweise, denn bevor die reparierte Leitung wieder ans Netz genommen werden kann, sind noch Spülungen nötig. In der Zwischenzeit stellen eine weitere, auch von 1962 datierende und ebenfalls 125 Millimeter starke Rohrleitung sowie die neuere, größere 200er-Trinkwasserleitung die Wasserversorgung auf der Insel sicher.

Wasserversorgung der Ostfriesischen Inseln

Insgesamt sind es vier Ostfriesische Inseln, auf denen der OOWV für die Trinkwasserversorgung zuständig ist. Auf Langeoog und Spiekeroog sind Wasserwerke in Betrieb, die die jeweilige Süßwasserlinse als Ressource nutzen. Baltrum und Wangerooge werden mit Leitungen vom Festland aus versorgt. Im Meeresboden sind diese Festlandleitungen durch Verschiebungen im Untergrund, auch infolge von Gezeiten und Stürmen, hohen Belastungen ausgesetzt. Durch diese Beanspruchung kam es bereits vor zwei Jahren zu einem vergleichbaren Defekt an derselben Leitung, der sich allerdings in den Salzwiesen unmittelbar vor der Insel befand und schnell repariert werden konnte.


Quelle: OOWV

The post Wettlauf mit der Tide: Leitungsreparatur auf Wangerooge appeared first on gwf-wasser.de.

BIM Basiskurs Siedlungswasserwirtschaft

Im BIM Basiskurs Siedlungswasserwirtschaft erhalten die Teilnehmer einen Überblick über den Stand der nationalen Standardisierung und lernen Modelle, Prozesse und Rollen in BIM-Projekten kennen. Behandelt werden unter anderem BIM gemäß ISO 19650, BIM-Werkzeuge und openBIM, BIM im Unternehmen, die Normenlandschaft sowie die Digitalisierung in der Siedlungswasserwirtschaft.

Veranstaltungsflyer

Der Kurs findet vom 27. bis zum 29. April 2026 täglich von 10:00 bis etwa 17:30 Uhr statt. Er richtet sich an Fachleute aus der Siedlungswasserwirtschaft, die in die BIM-Thematik einsteigen möchten.

Der Kurs findet in Kooperation mit der BIM Baumeister Akademie und dem Institut für Rohrleitungsbau an der Fachhochschule Oldenburg e. V. statt. Optional können Teilnehmende den Kurs mit einer Zertifikatsprüfung nach VDI 2552 Blatt 8.1 abschließen. Bei Bestehen der Prüfung erhalten Teilnehmende das international anerkannte BIM-Zertifikat von BuildingSMART (Stufe 1). >> Weitere Informationen zum Zertifikat

Zum Kurs

The post BIM Basiskurs Siedlungswasserwirtschaft appeared first on gwf-wasser.de.

Wie krisenfest ist die deutsche Wasserversorgung?

Die Sicherheit der Wasserversorgung entwickelt sich aus Sicht der Bevölkerung zu einer zentralen Risiko- und Standortfrage für Deutschland. Der IFAT Circularity Monitor, eine repräsentative YouGov-Umfrage* der IFAT Munich im Vorfeld der Münchner Sicherheitskonferenz, zeigt: 63 Prozent der Befragten halten Deutschland auf Krisen in der Wasserversorgung eher schlecht oder gar nicht vorbereitet. Nur drei Prozent bewerten die Vorbereitung als sehr gut. Besonders hoch ist die Sorge vor gezielten Eingriffen in die Infrastruktur – durch physische Sabotage (67 Prozent)** oder Cyberangriffe (66 Prozent)**.

„Das hohe Risikobewusstsein in der Bevölkerung zeigt, dass der Schutz der Wasserversorgung sicherheitspolitisch neu gedacht werden muss“, sagt Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchener Sicherheitskonferenz. „Gerade im Sinne einer Green Defense gehört die Resilienz kritischer, nachhaltiger Infrastrukturen – einschließlich ihres Schutzes vor Sabotage und Cyberangriffen – ins Zentrum der nationalen Sicherheitsstrategie.“

Während auf der Munich Security Conference die strategischen Dimensionen solcher Bedrohungen diskutiert werden, rückt die IFAT Munich die praktische Umsetzbarkeit in den Mittelpunkt.

Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchener Sicherheitskonferenz (Bild:MSC/Kuhlmann)

IFAT Munich als Plattform für resiliente Lösungen

Die Weltleitmesse für Umwelttechnologien, die vom 4. bis 7. Mai 2026 in München stattfindet, versteht sich als Plattform, auf der auch sicherheitspolitische Fragestellungen in konkrete Lösungen übersetzt werden.

„Unter dem Leitgedanken der von Wolfgang Ischinger angesprochenen Green Defense werden Technologien, Konzepte und Best Practices vorgestellt, mit denen sich Wasser- und Abwassersysteme widerstandsfähiger, sicherer und zukunftsfähig gestalten lassen“, sagt Exhibition Director Philipp Eisenmann.

Hohes Risikobewusstsein für Sabotage und Cyberangriffe

Grundsätzlich ist das Vertrauen in die Sicherheit der Trinkwasserversorgung in Deutschland hoch, wie zuletzt wieder im Branchenbild der Wasserwirtschaft 2025 bestätigt wurde. Doch zukünftige Bedrohungen bereiten zunehmend Sorgen; es rückt ein Themenbereich in den Fokus, der lange als technisch beherrschbar galt, inzwischen aber zunehmend als Teil der nationalen Sicherheitsarchitektur wahrgenommen wird.

„Die Umfrage macht deutlich, dass Wasserinfrastruktur nicht mehr nur als technische Aufgabe verstanden wird, sondern als sicherheitsrelevanter Faktor“, sagt Wolf Merkel, Vorstand des DVGW Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches. „Versorgungssicherheit lässt sich heute nicht isoliert denken. Sie erfordert integrierte Konzepte, die physischen Schutz, Cyberresilienz und Klimaanpassung zusammenführen.“

Auffällig ist, dass Extremwetterereignisse von den Befragten zwar als relevantes Risiko wahrgenommen werden, jedoch hinter gezielten Angriffen zurückbleiben: 59 Prozent sehen sie als wahrscheinliche Bedrohung für die Wasserversorgung. Das verweist auf ein verändertes Sicherheitsverständnis in einer Zeit hybrider Bedrohungen und zunehmender geopolitischer Spannungen.

Abwasser als unterschätzte Schlüsselressource

Ein besonders hohes Problembewusstsein zeigt sich beim Thema Abwasser. 91 Prozent der Befragten erkennen Störungen in der Abwasserentsorgung als ernsthafte Gefahr für Umwelt, Gesundheit und öffentliche Sicherheit. Gleichzeitig gilt dieser Teil der Infrastruktur im Alltag als weitgehend unsichtbar – und wird entsprechend selten strategisch diskutiert.

Bei der Abwasserinfrastruktur ermittelt der IFAT Circularity Monitor Extremwetter als das am größten wahrgenommen Risiko (63 Prozent)**, gefolgt von physischer Sabotage und technischen Defekten (jeweils 62 Prozent)**. Für die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) unterstreichen die Ergebnisse den Handlungsdruck.

„Abwasseranlagen sind systemrelevant, auch wenn sie im öffentlichen Bewusstsein oft im Hintergrund stehen“, sagt Vorständin Lisa Irwin-Broß. „Dass die Bevölkerung diese Zusammenhänge so klar erkennt, ist ein wichtiges Signal. Die Wasserwirtschaft setzt sich mit großem Engagement dafür ein, die Versorgungssicherheit auch zukünftig jederzeit zu gewährleisten. Beim Stromausfall in Berlin zum Jahreswechsel hat die Wasserwirtschaft ihre Leistungsfähigkeit eindrucksvoll bewiesen, die Berliner Wasserbetriebe konnten aufgrund der vorhandenen Notstromversorgung die Wasserver- und Abwasserentsorgung aufrechterhalten.“

 

* Die Daten dieser Befragung basieren auf Online-Interviews mit Mitgliedern des YouGov Panels, die der Teilnahme vorab zugestimmt haben. Für diese Befragung wurden im Zeitraum 12. und 14.01.2026 insgesamt 2103 Personen befragt. Die Erhebung wurde nach Alter, Geschlecht und Region quotiert und die Ergebnisse anschließend entsprechend gewichtet. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die Wohnbevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren.

** Sehr oder eher wahrscheinlich


Quelle: IFAT

The post Wie krisenfest ist die deutsche Wasserversorgung? appeared first on gwf-wasser.de.

Die unsichtbaren Welten unter unseren Füßen

Bisherige Einblicke in mikrobielle Gemeinschaften im Grundwasser basieren vor allem auf Proben von frei im Wasser schwebenden Mikroorganismen. Vorangegangene Studien deuteten jedoch bereits darauf hin, dass dies nur einen kleinen Teil des Bildes erfasst. Tatsächlich leben die allermeisten Mikroorganismen im Untergrund als Biofilme fest an Gesteinsoberflächen – sie sind dort bis zu tausendmal häufiger als freischwimmende Organismen.

Um die bislang kaum untersuchte Lebensweise dieser „angehefteten“ Mikroorganismen besser zu verstehen, analysierte das Team mikrobielle Gemeinschaften, die sich auf Karbonatgestein in einem natürlichen Grundwasserleiter im Thüringer Hainich angesiedelt hatten. Mithilfe moderner Genom-Analysen verglichen die Forschenden die angehefteten Gemeinschaften mit freilebenden Mikroorganismen aus dem gleichen System.

Zwei kontrastierende mikrobielle Ökosysteme

Das Ergebnis ist eindeutig: Trotz ihres engen räumlichen Kontakts und möglicher Wechselwirkungen bilden die Mikroorganismen im Wasser und am Gestein zwei stark kontrastierende ökologische Gemeinschaften. Nicht nur unterscheiden sich die Arten stark, auch ihre Fähigkeiten sind grundlegend verschieden.

„Wir haben herausgefunden, dass die Lebensweise der Mikroorganismen – angeheftet am Gestein oder frei im Wasser schweben – einen stärkeren Einfluss auf die Struktur der Lebensgemeinschaft haben als Umweltfaktoren, wie beispielsweise die Verfügbarkeit von Sauerstoff“, erläutert Alisha Sharma, die die Studie im Rahmen ihrer Promotion durchgeführt hat.

Die an Gestein gebundenen Mikroben sind hoch spezialisiert. Sie können Energie aus anorganischen Stoffen wie Eisen oder Schwefel gewinnen und dabei Kohlendioxid binden. Damit tragen sie aktiv zur Kohlenstoffspeicherung im Untergrund bei. Die frei im Wasser lebenden Mikroorganismen sind dagegen funktionell deutlich eingeschränkter.

„Wenn wir die an Gestein angeheftete Gemeinschaft ignorieren, übersehen wir einen wichtigen funktionellen Akteur im Grundwassersystem“, erklärt Dr. Martin Taubert, Arbeitsgruppenleiter im Exzellenzcluster. „Diese Mikroorganismen leisten einen wichtigen Beitrag zu zentralen chemischen Prozessen wie dem Kohlenstoffkreislauf.“

Bedeutung für Umwelt, Wasserwirtschaft und Klimamodelle

Die Erkenntnisse haben konkrete praktische Relevanz. Grundwasser ist eine der wichtigsten Trinkwasserressourcen weltweit. Ein besseres Verständnis der mikrobiellen Prozesse im Untergrund hilft, Stoffumsetzungen im Untergrund realistischer zu bewerten, etwa bei der natürlichen Selbstreinigung von Grundwasser oder bei der langfristigen Speicherung von Kohlenstoff.

Zudem legen die Ergebnisse nahe, dass Grundwasserökosysteme in Karbonatgestein deutlich mehr Kohlendioxid im Untergrund binden können als bisher angenommen – ein Aspekt, der für Klimamodelle und Bewertungen natürlicher Kohlenstoffsenken relevant ist.

Beitrag zum Exzellenzcluster „Balance of the Microverse“

Die Studie steht exemplarisch für den Forschungsansatz des Exzellenzclusters „Balance of the Microverse“. Ziel des Clusters ist es, zu verstehen, wie mikrobielle Gemeinschaften ihre Umwelt formen – und wie umgekehrt Umweltbedingungen das mikrobielle Gleichgewicht beeinflussen.

„Mikroorganismen halten viele natürliche Systeme im Gleichgewicht, ohne dass wir es bemerken“, sagt Prof. Kirsten Küsel, Professorin für Aquatische Geomikrobiologie und Sprecherin des Exzellenzclusters „Balance of the Microverse“. „Indem wir ihre verborgenen Lebensräume erschließen, verstehen wir besser, wie stabil – oder verletzlich – diese Systeme wirklich sind.“

Die Arbeit zeigt eindrücklich, dass das mikrobielle Leben im Untergrund kein passiver Hintergrund ist, sondern ein aktiver Gestalter der Umwelt – mit Bedeutung weit über den Boden unter unseren Füßen hinaus.


Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Martin Taubert

Institut für Biodiversität, Ökologie und Evolution der Universität Jena
Exzellenzcluster „Balance of the Microverse“
martin.taubert@uni-jena.de

Originalpublikation:
Sharma, A., Küsel, K., Wegner, CE. et al. Two worlds beneath: Distinct microbial strategies of the rock-attached and planktonic subsurface biosphere. Microbiome (2026). https://doi.org/10.1186/s40168-025-02325-1


Quelle: Friedrich-Schiller-Universität Jena

The post Die unsichtbaren Welten unter unseren Füßen appeared first on gwf-wasser.de.

Wasserpflanzen stabilisieren den Wasserstand und das Grundwasser

Das IGB-Forschungsteam untersuchte Langzeitdaten zum Wasserdurchfluss, Wasserstand und zur Biomasse der Wasserpflanzen in einem über 32 Kilometer langen Abschnitt der Spree südöstlich von Berlin zwischen dem Wehr Große Tränke bei Fürstenwalde und dem Müggelsee. Die Wissenschaftler berechneten den Staueffekt der Wasserpflanzen und zeigten, dass dichte Bestände den Durchflussquerschnitt verengen und die hydraulische Reibung erhöhen. Dadurch steigt der Wasserstand bei gleicher Abflussmenge an. Als Abflussmenge wird in der Wasserforschung das Wasservolumen bezeichnet, das einen Gewässerabschnitt innerhalb einer bestimmten Zeit durchfließt.

Reduzierte Abflussmenge bei konstantem Wasserstand

Die Wasserpflanzen sorgten in den letzten Sommern für einen Wasseranstieg von rund 50 bis 60 Zentimetern im Vergleich zur Situation ohne Wasserpflanzen. So blieb der Wasserstand im Durchschnitt konstant, obwohl die abfließende Wassermenge laut der Studie seit den 1980-er Jahren im Durchschnitt um fast 50 Prozent gesunken ist. Ursachen hierfür sind die Stilllegung des großflächigen Braunkohletagebaus und die anschließende Flutung der Tagebaurinnen. Hinzu kommt die hohe Verdunstung aus den großen neuen Bergbauseen sowie den Fließen und der Vegetation im Spreewald.

„Wasserpflanzen bieten eine naturbasierte Lösung zur Stabilisierung des Wasserstands. Insbesondere für die Spree, die nach dem Ende des Tagebaus in der Lausitz vom Wassermangel betroffen ist und laut Berechnungen des Umweltbundesamts bis 2038 örtlich bis zu 75 Prozent weniger Wasser führen wird“, erläutert Dr. Jörg Lewandowski, Autor der Studie. „Das stärkste Pflanzenwachstum erfolgt von Juni bis August, also genau in der Zeit, in der Trockenheit, weniger Abfluss und erhöhte Verdunstung die Spree besonders belasten.“

Künstliche Barrieren oder Totholz im Flussbett haben zwar einen ähnlichen Staueffekt wie Wasserpflanzen, heben jedoch den Wasserstand auch bei hohem Abfluss und möglichem Hochwasser im Winter und Frühjahr an. Das kann ein Risiko darstellen. Zudem bieten ausgedehnte Wasserpflanzenbestände viel Lebensraum und Futter für Kleintiere und Fische und kommen somit dem gesamten Nahrungsnetz im Ökosystem zugute.

Auch höherer Grundwasserspiegel in der Flussaue

Aufgrund der hydrogeologischen Gegebenheiten – der Durchlässigkeit des Untergrunds in dieser Region – sind Fluss und Grundwasser gut miteinander verbunden. So zeigt sich der positive Staueffekt der Wasserpflanzen auch im angrenzenden Grundwasser. Veränderungen des Flusswasserstands beeinflussen den Grundwasserspiegel über mehrere hundert Meter in Querrichtung zum Flussverlauf. Der Staueffekt der Wasserpflanzen erhöhte das im Flusswasserkörper gespeicherte Wasservolumen um fast 20 Prozent und zusätzlich um das Anderthalbfache (bis zu 143 Prozent) im Grundwasserleiter der Aue (Sommerdurchschnitt, in den Jahren 2011–2021).

„Das zusätzliche Wasser im Grundwasserleiter hilft, plötzliche Schwankungen oder Rückgänge der Abflussmenge auszugleichen und die negativen Auswirkungen von Dürreperioden zu verringern“, so Jörg Lewandowski. „Ein erhöhter, konstanterer Grundwasserspiegel kann die Feuchtgebiete und Moore in der Aue feucht halten, ihre Remineralisierung – den Abbau torfbildender Substanz –verringern und die Nährstoffspeicherung in den Auenböden erhöhen. Das ist auch für die landwirtschaftliche Nutzung relevant, denn es profitieren dadurch auch Flächen, die extensiv beweidet werden.“

Mähen der Wasserpflanzenr reduziert den positiven Staueffekt

Wasserpflanzen werden auch in der Spree immer wieder gemäht. Die Forscher zeigten, dass das Mähen im Juli den positiven Staueffekt in der Spree für den Rest der Saison reduzierte, für den Wasserrückhalt also kontraproduktiv war. Das Mähen im September hatte hingegen keinen Einfluss auf den Staueffekt, da zu dieser Zeit ohnehin viele Wasserpflanzen natürlicherweise absterben.

Der wichtigste – und oft einzige – Grund für das Mähen von Flüssen, Bächen oder Gräben in Tieflandgebieten ist das vermutete höhere Hochwasserrisiko. Doch ob Wasserpflanzen wirklich gemäht werden müssen, sollte auch im Hinblick auf immer längere Dürrephasen sorgfältig abgewogen werden.

„Hohe Abflüsse sind im Sommer für die Flüsse in gemäßigten Tieflandgebieten sehr selten. Die meisten Hochwasserereignisse treten im Winter und Frühjahr auf, wenn keine Pflanzen wachsen. Dies gilt auch für andere Flüsse, Fließe und Grabensysteme und sollte von den zuständigen Bewirtschaftern – zum Beispiel den Wasser- und Bodenverbänden – stärker berücksichtigt werden. Wenn das Hochwasserrisiko gering oder der potenzielle Schaden tragbar ist, können die vielfältigen positiven Auswirkungen der aquatischen Vegetation dieses Risiko deutlich überwiegen“, sagt Dr. Jan Köhler, Autor der Studie.

Die Autoren weisen auch darauf hin, dass das Mähen außerdem schwere ökologische Auswirkungen haben kann. Dazu zählen die Zerstörung von Lebensräumen aquatischer Organismen, erhöhte Treibhausgasemissionen, die Remobilisierung von abgelagerten Partikeln und ein verringerter Rückhalt von Stickstoff.


Zur Datenerhebung

Das Team untersuchte einen 32,4 km langen Abschnitt der Spree südöstlich von Berlin zwischen Große Tränke und Müggelsee (Flusskilometer 302–334). Der Abfluss dieses Flusses in einer Tiefebene wird durch stromaufwärts gelegene Stauseen und durchflossene Seen sowie durch Entnahmen für andere Flusssysteme reguliert und ausgeglichen. In ihrem mittleren Abschnitt fließt die Spree durch eine Landschaft, die durch den Braunkohletagebau stark verändert wurde. Der Grundwasserspiegel wurde in einem Gebiet von etwa 2000 km² um bis zu 100 m abgesenkt, um die Tagebaue trocken zu halten.

Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 wurden die meisten Tagebaue stillgelegt und der Grundwasserspiegel wieder angehoben. Die Wiederauffüllung der ehemaligen Gruben und des angrenzenden Grundwasserleiters verbrauchen rechnerisch große Teile des natürlichen Abflusses und durch eine erhöhte Verdunstung der entstehenden großen Wasserflächen geht der natürliche Abfluss dauerhaft zurück. Bis heute machen Sümpfungswässer aus der Lausitz bis zu 40 Prozent des sommerlichen Abflusses der Spree aus.

Der Wasserstand wurde an 14 Standorten kontinuierlich aufgezeichnet, der Abfluss an zwei Standorten in wöchentlichen bis zwei-wöchentlichen Abständen gemessen und die Wasserpflanzen fast jeden Sommer kartiert. Forschende des IGB untersuchten auch die Grundwasserstandsdaten entlang eines Transekts von Grundwassermessstellen, um die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Veränderungen des Grundwasserstands im Verhältnis zum Wasserstand im Fluss zu quantifizieren.


Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Jörg Lewandowski: https://www.igb-berlin.de/profile/joerg-lewandowski

Originalpublikation:
Jan Köhler, Jörg Lewandowski, Dense stands of aquatic plants retain water in lowland rivers and in adjacent floodplain aquifers, Journal of Hydrology, Volume 667, 2026, 134882, ISSN 0022-1694, https://doi.org/10.1016/j.jhydrol.2025.134882.

The post Wasserpflanzen stabilisieren den Wasserstand und das Grundwasser appeared first on gwf-wasser.de.

Phosphorrecycling: Qualität und Marktfähigkeit sind entscheidend

Phosphor ist ein strategischer und nicht substituierbarer Rohstoff, dessen Verfügbarkeit aktuell in Deutschland vollständig von Importen abhängt.

Voraussetzung für eine ökologisch sinnvolle Kreislaufführung sind Verfahren, die den Phosphor vollständig aus der Aschematrix extrahieren und als klar definierte Produkte bereitstellen. Technologien und Verwendungen, bei denen der Phosphor in der Asche verbleibt, führen hingegen zu einer Rückführung von Schadstoffen in Boden- und Wasserkreisläufe und beeinträchtigen damit die Qualität der Trinkwasserressourcen.

Zugleich zeigt die Untersuchung, dass die Rückgewinnungspflicht allein nicht ausreicht, um einen tragfähigen Markt für Sekundärphosphor aufzubauen. Da die Preise für Primärphosphor ökologische und soziale Folgekosten nicht abbilden, empfiehlt die Studie die Einführung einer gesetzlich verankerten Rezyklatquote für den Handel mit Phosphor, um Investitionen abzusichern und verlässliche Nachfrage zu schaffen. Darüber hinaus kann Phosphorrecycling einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Versorgungssicherheit leisten.

Kurz-Ergebnisse der Studie

Es braucht verlässliche Rahmenbedingungen

Martin Weyand, BDEW-Hauptgeschäftsführer Wasser/Abwasser, erklärt zu den Studienergebnissen: „Phosphor ist ein unverzichtbarer Rohstoff für Ernährungssicherheit, Landwirtschaft und Industrie, gleichzeitig aber mit erheblichen geopolitischen, ökologischen und qualitativen Risiken verbunden. Die Studie zeigt deutlich, dass Phosphorrecycling aus Klärschlamm die Chance bietet, eine bislang kaum genutzte heimische Ressource zu erschließen und damit sowohl Umwelt- und Gewässerschutz als auch Versorgungssicherheit zu stärken. Voraussetzung dafür sind jedoch klare Qualitätsanforderungen: Ökologisch vertretbar und breit einsetzbar sind ausschließlich hochreine, schadstoffarme Rezyklate. Gleichzeitig braucht es verlässliche marktliche Rahmenbedingungen. Eine gesetzlich verankerte Rezyklatquote kann die notwendige Nachfrage schaffen, Investitionen absichern und dazu beitragen, die Rückgewinnung wirtschaftlich und praxisnah umzusetzen. Politik und Abwasserentsorger müssen gemeinsam die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Deutschland die Pflichten aus der Klärschlammverordnung erfüllen kann.“

Weitere Informationen

Quelle: BDEW

The post Phosphorrecycling: Qualität und Marktfähigkeit sind entscheidend appeared first on gwf-wasser.de.

Bakterien mit eingebautem Kompass

Einige Bakterienarten besitzen eine erstaunliche Fähigkeit: Sie nutzen das Erdmagnetfeld um sich daran zu orientieren. Um diesen Mechanismus besser zu verstehen hat das Team um Argovia-Professor Dr. Martino Poggio vom Swiss Nanoscience Institute und Departement Physik der Universität Basel das „magnetotaktische“ Bakterium Magnetospirillum gryphiswaldense genauer untersucht.

In seinem Inneren bildet dieses Bakterium eine Kette aus magnetischen Nanopartikeln – den sogenannten Magnetosomen. Diese wirken wie ein biologischer Kompass und ermöglichen dem Bakterium, sich am Erdmagnetfeld auszurichten.

In ihrem natürlichen Lebensraum, in Gewässern oder feuchten Sedimenten, hilft dieser Kompass den Bakterien, bei der Suche nach den besten Lebensbedingungen strukturiert vorzugehen. Ohne diese Orientierungshilfe würden sie sich zufälliger fortbewegen und mehr Zeit und Energie benötigen, um etwa optimale Sauerstoffbedingungen aufzuspüren.

Einsatz in der Medizin und zur Abwasserreinigung

Das Potenzial dieser Bakterien für Anwendungen ist groß: Sie könnten als magnetisch steuerbare „Mikroroboter“ in der Medizin eingesetzt werden – beispielsweise für den gezielten Transport von Wirkstoffen. Auch der Einsatz zur Reinigung von Abwasser ist denkbar, indem die Bakterien Schwermetalle aufnehmen und anschliessend über einen Magneten einfach aus dem Wasser entfernt werden.

Um solche Anwendungen zu ermöglichen, ist ein genaues Verständnis der magnetischen Eigenschaften der Bakterien entscheidend.

Ein Bakterium unter der Lupe

Die Basler Forschenden haben daher in Zusammenarbeit mit dem Mikrobiologen Prof. Dr. Dirk Schüler von der Universität Bayreuth die Magnetpartikel eines einzelnen Bakteriums untersucht. Auf Grund des extrem schwachen Magnetismus einer einzelnen Magnetosomkette ist dies eine große technische Herausforderung. Die meisten bisherigen Studien waren darauf beschränkt Ensembles von Bakterien zu untersuchen. Das interdisziplinäre Forschungsteam konnte nun aber messen, wie bei einem einzelnen Bakterium die Magneten unter Einfluss eines externen Magnetfeldes zusammenwirken.

„Wir haben zunächst ein einzelnes Bakterium an einen extrem dünnen Federbalken befestigt und dessen Schwingungen unter Magnetfeldern gemessen“, erklärt Mathias Claus, Erstautor der Studie und Doktorand in der SNI-Doktorandenschule. „Aus winzigen Änderungen der Schwingungsfrequenz konnten wir ableiten, wie stark das Bakterium magnetisch ist und wie stabil seine Magnetrichtung bleibt.“

Diese hochsensitiven Magnetometrie-Messungen hat das Team durch elektronenmikroskopische Analysen und Computersimulationen ergänzt. Die Forschenden konnten die Magnetstärke der Kette präzise bestimmen und so bestätigen, dass sie für das Bakterium ausreicht, um sich unter natürlichen Bedingungen parallel zum Erdmagnetfeld auszurichten und damit zielgerichtet zu bewegen.

„Sehr starke Magnetfelder können die Ausrichtung allerdings beeinflussen und damit die Orientierung der Bakterien stören. Das ist ein wichtiger Aspekt für mögliche technische Anwendungen, etwa als steuerbare Mikroroboter“, ergänzt Dr. Boris Gross aus dem Poggio-Team, der das Projekt initiiert und geleitet hat.

Interessanterweise wechselten bei einer Umpolung des Magnetfelds einzelne Magnete oder kleine Gruppen plötzlich ihre Richtung, wie auch die durchgeführten Simulationen bestätigen. Dies müssen die Bakterien im See aber nicht befürchten: weder ist das Erdmagnetfeld dafür stark genug, noch sind sie wie das untersuchte Bakterium an einem Kraftsensor fixiert. Sie drehen sich einfach, bis sie wieder mit dem Magnetfeld ausgerichtet sind, bevor es zu solch einer Umpolung kommen könnte.


Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Martino Poggio, Universität Basel, Swiss Nanoscience Institute
martino.poggio@unibas.ch

Originalpublikation: 
Mathias M. Claus, Marcus Wyss, Dirk Schüler, Martino Poggio, and Boris Gross: Magnetic properties of an individual Magnetospirillum gryphiswaldense cell, Phys. Rev. E 113, 014408
DOI: https://doi.org/10.1103/lffn-l7m6

The post Bakterien mit eingebautem Kompass appeared first on gwf-wasser.de.

Wie alt ist unser Wasser?

Bei dem Begriff „Quantentechnologie“ denken viele an geheimnisvolle Computer, die eines Tages alle Codes knacken können. Tatsächlich steckt hinter der Quantentechnologie jedoch viel mehr: neue Messmethoden, mit denen sich Dinge sichtbar machen lassen, die sonst unsichtbar bleiben. In seinem Vortrag „Quantentechnologien für Klima und Umwelt: Unsere Ozeane, unser Eis, unser Trinkwasser – wenige Atome verraten Alter“ geht es Prof. Dr. Markus Oberthaler um ein konkretes Beispiel: eine Quantentechnologie, mit der sich das Alter von Wasser bestimmen lässt – egal, ob es sich um Trinkwasser, Gletscherwasser oder Wasser in den Ozeanen handelt. Sogar die Menge an menschengemachtem CO2, das bereits im Meer „geparkt“ ist, kann damit bestimmt werden.

Eines unter vielen Billionen

Die Natur verrät dieses Alter über seltene Atome, die in Spuren im Wasser vorkommen. Sie sind so selten, dass man sie im Grunde einzeln zählen muss – ungefähr eines unter vielen Billionen anderen. Genau das gelingt mit einer neuen Methode, der sogenannten Atom Trap Trace Analysis. Dabei werden einzelne Atome in einer Art „Lichtfalle“ eingefangen und zum Leuchten gebracht. So ist es möglich, das Alter einer Probe zu bestimmen, indem lediglich rund zehn Liter Wasser oder Eis untersucht werden.

In seinem Vortrag nimmt Oberthaler das Publikum mit auf die Reise einer Probe: von der Entnahme in der Natur über die Analyse im Labor bis hin zu dem Moment, in dem einzelne Atome im Dunkeln aufblitzen und ihre Geschichte erzählen. Anhand von Beispielen aus der Trinkwasserversorgung, den Ozeanen und den Gletschern wird deutlich, wie wenige Atome ausreichen, um neue Erkenntnisse über unsere Natur zu gewinnen.

Die Öffentlichkeit ist herzlich zum Vortrag „Quantentechnologien für Klima und Umwelt: Unsere Ozeane, unser Eis, unser Trinkwasser – wenige Atome verraten Alter“ am Donnerstag, 5. März 2026, um 20:00 Uhr im Hörsaal RW1, Haus Recht und Wirtschaft (ReWi), Jakob-Welder-Weg 9, 55128 Mainz eingeladen. Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Der Vortrag erfolgt im Rahmen der Frühjahrstagung der Sektion Atome, Moleküle, Quantenoptik und Plasmen (SAMOP) der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG). Die Frühjahrstagungen sind ein zentraler Baustein der Aktivitäten der DPG. Sie sind wichtige Plattformen für Studierende, um hier ihre Forschungs- und Abschlussarbeiten oft zum ersten Mal einem größeren Fachpublikum vorzustellen. Darüber hinaus bietet sich Early Career Researchers hier die Möglichkeit, mit erfahrenen Physikerinnen und Physikern aus Wissenschaft und Industrie ins Gespräch zu kommen, Kontakte zu knüpfen und Anregungen für die Berufs- und Karriereplanung zu sammeln.


Quelle: Deutsche Physikalische Gesellschaft e. V. (DPG) und Johannes Gutenberg-Universität Mainz

The post Wie alt ist unser Wasser? appeared first on gwf-wasser.de.

26. Göttinger Abwassertage

Gerade für kommunale Entscheidungsträger/innen und Ingenieur/innen bietet die Teilnahme einen besonderen Mehrwert: Die Abwasserwirtschaft steht vor vielfältigen Herausforderungen wie Klimaanpassung, wachsendem Sanierungsbedarf, wirtschaftlichem Druck, steigenden gesetzlichen Anforderungen und dem Anspruch auf nachhaltige Lösungen. Die Göttinger Abwassertage 2026 liefern hierzu praxisnahe Orientierung, aktuelles Fachwissen und konkrete Lösungsansätze, die sich unmittelbar in die tägliche Arbeit integrieren lassen. Darüber hinaus schafft die Veranstaltung Raum für einen intensiven fachlichen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus der Region und dem gesamten Bundesgebiet – ein Vorteil, der von den Teilnehmenden Jahr für Jahr besonders geschätzt wird.

Schwerpunkte 2026

Kommunale Praxis im Fokus: Zukunftsstrategien aus erster Hand
Der Auftakt der Veranstaltung steht ganz im Zeichen kommunaler Erfahrungen und Lösungsansätze. Vertreter/innen aus Leopoldshöhe, Goslar, Hürth und Duisburg berichten aus der Praxis und zeigen auf, wie Kommunen Themen wie Klimaanpassung, Hochwasserschutz, Öffentlichkeitsarbeit und nachhaltige Sanierungsstrategien konkret umsetzen.

Klimaanpassung und nachhaltige Stadtentwicklung
Fachleute aus Verwaltung, Wissenschaft und Praxis geben Einblicke in aktuelle Entwicklungen rund um Niederschlagswasserbewirtschaftung, Versickerungskonzepte und digitale Anwendungen. Auf dem Programm stehen unter anderem:

  • „Neue Anforderungen an Planung, Bau und Betrieb von Versickerungsanlagen gemäß DWA-A 138-1“ (Prof. Dr.-Ing. Mathias Kaiser)

  • Digitalisierung im Starkregenmanagement

  • Drei Jahre kommunale Starkregenberatung in Göttingen – ein Praxisbericht

Rechtliche Entwicklungen – Sicherheit im Wandel
Rechtsfragen gewinnen in der Abwasserwirtschaft zunehmend an Gewicht. Ob neue EU-Vorgaben oder Haftungsfragen beim Überflutungsschutz – renommierte Fachjuristinnen und -juristen erläutern aktuelle Entwicklungen und geben praxisnahe Handlungsempfehlungen.

Technische Innovationen und Sanierungspraxis
Der zweite Veranstaltungstag widmet sich intensiv der Sanierung, Qualitätssicherung und technischen Weiterentwicklungen. Themen sind unter anderem:

  • Vergaberecht und Ingenieurleistungen

  • Qualitätssicherung in der Bauausführung

  • Sanierung von Anschlussleitungen

  • „Bestandskanäle und -leitungen in Wasserschutzgebieten: DWA-konforme Gefährdungsbeurteilung als Teil der Sanierungspriorisierung“ (Gregor Breedveld)

  • Praxisbeispiele aus urbanen und ländlichen Räumen


Ausstellung und Netzwerken

Parallel zur Fachtagung präsentieren zahlreiche Aussteller innovative Produkte, Verfahren und Dienstleistungen. Die Praxisblöcke ermöglichen den direkten Austausch mit Herstellern und Fachunternehmen. Ein gemeinsames Get-together am ersten Veranstaltungsabend schafft zudem Raum für vertiefte Gespräche und aktives Networking.


Zielgruppe

Die Göttinger Abwassertage richten sich an:

  • Kommunale Abwasserbetriebe und Stadtentwässerungen

  • Ingenieur- und Planungsbüros

  • Behörden und Einrichtungen der Wasserwirtschaft

  • Fachunternehmen der Kanal- und Sanierungstechnik

  • Hochschulen und Forschungseinrichtungen

Kurzum: Die Veranstaltung ist ideal für alle, die Verantwortung für Planung, Betrieb und Weiterentwicklung der Abwasserinfrastruktur tragen und sich in einem dynamischen fachlichen Umfeld fundiert informieren und vernetzen möchten.

Zur Veranstaltung

The post 26. Göttinger Abwassertage appeared first on gwf-wasser.de.

Großindustrielle Phosphorrückgewinnung wird Wirklichkeit

Elementarer weißer Phosphor (P4) ist für Schlüsselindustrien wie dem Lebensmittel- und Pharmasektor unverzichtbar und daher ein strategischer Rohstoff von hoher Relevanz. Im EU-Projekt FlashPhos demonstrieren in großem Maßstab 17 europäische Partner unter der Koordination der Universität Stuttgart ein thermochemisches Verfahren zur nachhaltigen Produktion von hochwertigem weißem Phosphor für die chemische Industrie unter Verwendung von Klärschlamm.

Das Steinbeis Europa Zentrum unterstützt als Projektpartner das administrative Projektmanagement, die Kommunikationsaktivitäten und die Verbreitung und Verwertung der Projektergebnisse.

Die Projektpartner haben nun mit der Fertigstellung der Front-End Engineering Design (FEED)-Studie einen entscheidenden Schritt in Richtung industrielle Umsetzung der Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm gemacht.

Von der Demonstrationsanlage zum industriellen Konzept

Die FEED-Studie überführt die FlashPhos-Demonstrationsanlage in ein klar definiertes industrielles Anlagenkonzept. Dabei werden Prozesseffizienz, Sicherheitsaspekte, Umweltauswirkungen und Wirtschaftlichkeit gleichermaßen berücksichtigt. Die Studie bildet damit die Grundlage für weitere Investitions- und Umsetzungsentscheidungen.

Im Mittelpunkt steht das Design der ersten großtechnischen FlashPhos-Anlage mit einer Kapazität von 5.000 Tonnen Weißphosphor (P₄) pro Jahr. Das Anlagenkonzept ist in ein Referenzzementwerk mit einer Klinkerproduktion von 3.000 Tonnen pro Tag integriert und zeigt, wie sich Phosphorrückgewinnung in bestehende industrielle Infrastrukturen einbinden lässt.

Die FEED-Studie wurde von A TEC Production and Services GmbH geleitet, mit entscheidenden Beiträgen von VDZ Technology gGmbH, INERCO, Italmatch Chemicals S.p.A., Dyckerhoff GmbH, der Universität Stuttgart, sowie weiteren Projektpartnern. Die enge Zusammenarbeit von Forschung und Industrie ermöglichte die Übertragung wissenschaftlicher Ergebnisse in ein praxisnahes industrielles Design.

Synergien nutzen

Ein zentrales Ergebnis ist die vielversprechende Synergie mit der Zementindustrie. Prozesssimulationen zeigen, dass das bei der Phosphorrückgewinnung erzeugte Synthesegas einen bedeutenden Anteil konventioneller Brennstoffe und CO2-Emissionen ersetzen kann. Gleichzeitig kann die im Prozess entstehende Raffinierschlacke als CO2-neutraler Klinkersubstitut oder als ergänzender zementgebundener Baustoff (SCM) genutzt werden und so zur Dekarbonisierung der Zementproduktion beitragen.

Darüber hinaus bewertete die FEED-Studie Optionen zur zukünftigen Weiterentwicklung, darunter modulare Anlagenkonzepte und dezentrale Klärschlammtrocknung. So bleibt die Technologie trotz bestehender Integrationsherausforderungen hoch skalierbar und flexibel und bietet realistische Wege zur industriellen Umsetzung.

Mit dem Abschluss der FEED-Studie ist der Grundstein für die nächsten Schritte gelegt – von technischer Detailplanung und Genehmigungsverfahren bis hin zur Vorbereitung der ersten kommerziellen FlashPhos-Anlagen. FlashPhos überführt damit Innovation in die industrielle Umsetzung und rückt einer europäischen Lösung für nachhaltige Phosphorrückgewinnung im Sinne der Kreislaufwirtschaft näher.

Zum Projekt

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:
Sabrina Frühauf, A TEC Production and Services GmbH
sabrina.fruehauf@atec-ltd.com


Quelle: Steinbeis Europa Zentrum

The post Großindustrielle Phosphorrückgewinnung wird Wirklichkeit appeared first on gwf-wasser.de.

Neuer Chip für robustere pH-Messungen entwickelt

Die präzise Bestimmung des pH-Wertes ist in der Chemiesensorik eine große Herausforderung. Bisher kamen dafür klassische Silber/Silberchlorid/Kaliumchlorid-Elektroden zum Einsatz. Sie liefern zwar ein stabiles Bezugspotenzial, sind jedoch zugleich sehr fehleranfällig. Verändert sich die Elektrolytkonzentration, verstopft die Membran oder trocknet sie aus, werden die Messwerte unzuverlässig.

Während die pH-sensitive Glaselektrode bereits erfolgreich durch robuste Chips, sogenannte Ionensensitive Feldeffekttransistoren (ISFETs), ersetzt wurde, ist der Ersatz der empfindlichen Referenzelektrode erst jetzt am Fraunhofer IPMS durch einen Referenz-ISFET (REFET) gelungen.

„Unsere ISFETs sind zuverlässig, stabil und strapazierfähig. Sie umgehen typische Probleme klassischer Referenzelektroden, wie verstopfte oder aufgeladene Diaphragmen, Drift durch Konzentrationsänderungen oder Kontamination der Messlösung“, erläutert Dr. Olaf Hild, Abteilungsleiter für chemische Sensoren und Systeme am Fraunhofer IPMS.

Dadurch eignen sie sich besonders für mobile oder integrierte Messsysteme.

Physikalische Grundlagen der neuen Technologie zur ph-Messung

In der neuen Technologie zur pH-Messung des Fraunhofer IPMS wird anstelle der empfindlichen Referenzelektrode ein zweiter ISFET zusammen mit einem klassischen pH-ISFET eingesetzt. Dieser Referenz-ISFET zeigt eine signifikant kleinere pH-Steilheit, von beispielsweise 20 mV/pH, verglichen mit den üblichen 59 mV/pH bei 25°C, gemäß der Nernstschen Gleichung.

Die ISFETs sind mit dünnen Schichten aus Niobpentoxid (Nb₂O₅) oder Tantalpentoxid (Ta₂O₅) beschichtet. Diese Materialien verleihen den Sensoren hohe Stabilität, einfache Handhabung und gute Lagerfähigkeit. Die beiden ISFETs werden gemeinsam über eine Hilfselektrode betrieben, sodass aus den gemessenen elektrischen Signalen der pH-Wert zuverlässig berechnet werden kann.

„Leider stammt dieses Konzept des ISFET-REFET nicht von uns, sondern wurde bereits in den 1980er Jahren von Professor Piet Bergveld, dem Erfinder des ISFET, und seinen Kollegen entwickelt“, erklärt Hild. „Bisher fand das Konzept aber keinen Weg in die kommerzielle Nutzung.“

ISFET-REFET-Chip des Fraunhofer IPMS, 5×5 mm² (Quelle: Fraunhofer IPMS)

Mit den neuen Bauelementen soll sich das ändern: Die pH-Messung ist zunächst im Bereich von etwa pH 4 bis pH 8 möglich, was für viele Anwendungen in Biologie, Medizin, Landwirtschaft und Umwelt den typischen Messanforderungen entspricht.

Aktuell benötigt die Lösung noch zwei 5 × 5 mm² große Chips, die eine gute Benetzung gewährleisten. Auf Kundenwunsch können diese jedoch verkleinert werden. Künftig ist geplant beide Chips auf einen einzigen Chip derselben Größe mit integrierter Temperaturmessung zu reduzieren.

„Voraussetzung für Langzeitmessungen nach einer 2- oder 3 Punkt-Kalibrierung ist die Beherrschung der Sensordriften, die bei Bedarf mit der Ansteuerelektronik kompensiert werden können“, erläutert Elektronikentwickler Hans-Georg Dallmann die Funktionsweise der Ansteuerung.

Somit ist der Fahrplan für die weitere Entwicklung am Fraunhofer IPMS gesetzt: pH-Bereich des REFET durch verbesserte Sensorschichten vergrößern, die REFET-Sensordrift reduzieren und die Integration auf einen Chip mit Temperaturmessung entwickeln.

„Obwohl noch viel Arbeit vor uns liegt, freuen wir uns, bereits Test-Kits anbieten zu können und diese dem Fachpublikum auf der Analytica 2026 (Halle 3, Stand 312) zu präsentieren“, sagt Hild abschließend. Individuelle Termine auf der Messe können vorab über die Webseite des Fraunhofer IPMS vereinbart werden. Die Analytica findet vom 24.-27. März 2026 in München statt.


Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Olaf Hild
olaf.hild@ipms.fraunhofer.de


Quelle: Fraunhofer IPMS

The post Neuer Chip für robustere pH-Messungen entwickelt appeared first on gwf-wasser.de.

Wie beeinflussen Bootsverkehr und Wetter den Wörthersee?

Motorboote, Ausflugsschiffe, Uferverbauungen und die durch den Klimawandel bedingten meteorologischen Veränderungen setzen Seen zunehmend unter Druck. Die Schwächung der Seeökosysteme zeigt sich in einer Verschiebung der Artenvielfalt und in einer sinkenden ökologischen Funktionsfähigkeit. Davon betroffen sind auch drei der größten Kärntner Seen, Wörthersee, Ossiacher See und Weißensee.

Um diesen Veränderungen der Ökosysteme auf den Grund zu gehen, haben Forschende der TU Graz nun gemeinsam mit Partnern im Rahmen des Projekts WAMOS (Wave Monitoring System based on GNSS/INS Integration) ein neuartiges Mess- und Simulationssystem zur Erfassung und Bewertung von Seewellen und deren ökologischen Auswirkungen entwickelt. Das System ermöglicht erstmals präzise Untersuchungen, wie stark Bootswellen und Windwellen das ökologische Gleichgewicht von Seen beeinflussen und ermöglicht eine Aussage darüber, welche Uferbereiche besonders betroffen sind.

Über das Projekt

Das Forschungsprojekt WAMOS (Wave Monitoring System based on GNSS/INS Integration; Proj.Nr. FO999900575) wurde von der TU Graz (Institut für Geodäsie und Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft) in Kooperation mit der FH Kärnten (SIENA Forschungsgruppe), systema Bio- und Management Consulting GmbH und der Ingenieurgesellschaft Prof. Kobus & Partner GmbH entwickelt und von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) in der Förderlinie Austrian Space Applications Programme 2022 gefördert. Initiiert und begleitet wurde das Projekt vom Land Kärnten, insbesondere vom Kärntner Institut für Seenforschung.

Die Ergebnisse zeigen, dass von Booten verursachte Wellen eine signifikante Auswirkung auf die ökologische Funktionsfähigkeit des Sees haben.

„Wir konnten erstmals wissenschaftlich belegen, wie stark Motorbootswellen zur Aufwirbelung von Sedimenten und damit zur Trübung des Wassers beitragen und insbesondere den Unterwasserpflanzen zusetzen“, sagt Philipp Berglez vom Institut für Geodäsie der TU Graz.

Wellen millimetergenau gemessen

Das Monitoring-System wurde für den Wörthersee entwickelt und auch dort getestet. Die Auswahl des Wörthersees als Testgebiet erfolgte aufgrund der hohen Anzahl von Bootslizenzen: Die Zahl der Bootslizenzen für Motorboote ist am größten Kärntner See zwischen 2007 und 2025 von 400 auf rund 900 und damit auf mehr als das Doppelte gestiegen.

Zur Bestimmung der Wellenhöhen stattete das Team der TU Graz Bojen mit Sensorik zur präzisen Positions- und Bewegungsbestimmung mittels Satellitenortung (GNSS) und Beschleunigungssensorik (INS) aus. Die so aufgezeichneten Sensordaten der Bojen werden zur Berechnung der Wellenhöhe verwendet.

Zur Bestimmung der Wellenhöhen am Wörthersee wurden Bojen mit Sensorik zur präzisen Positions- und Bewegungsbestimmung ausgestattet. (Quelle: Kärntner Institut für Seenforschung)

Labor- und Feldtests zeigen: Die Bojen messen die Seewellen mit einer Gesamtgenauigkeit von unter 10 Millimetern.

„Das ist ein absolutes Novum. Messbojen zur Wellenhöhenbestimmung sind bisher für maritime Anwendungen wie Tsunamiwarnungen ausgelegt und erreichen bei Weitem nicht die Messgenauigkeit für die deutlich kleineren Wellenbewegungen im See“, schildert Philipp Berglez.

Neben der Höhe bestimmt das Monitoringsystem auch die Ursache der Wellen – Motorboote oder Wind. Das ist besonders am Wörthersee eine Herausforderung, weil sich die hochfrequenten Anteile von Wind- und Bootswellen ähneln. Ein eigens entwickelter Filter hebt typische Bootswellenmuster hervor, sodass sie in den Daten klar unterscheidbar werden.

KI erkennt Boote automatisch

Einen weiteren innovativen Bestandteil des WAMOS-Systems steuerte die FH Kärnten bei: eine KI-basierte Bootserkennung, die aus Drohnenaufnahmen automatisch zwischen Motorbooten, Segelbooten und Linienschiffen mit einer Genauigkeit von rund 96 Prozent unterscheidet. Das macht es möglich, die erzeugten Wellenformen und ihre Energie präzise zuzuordnen und damit die Auswirkungen des Bootsverkehrs auf das Ökosystem zu modellieren.

Parallel zu den Wellenmessungen hat das Wiener Limnologie-Unternehmen systema umfangreiche gewässerökologische Untersuchungen durchgeführt, darunter Trübemessungen und ein Makrophyten-Monitoring über zwei Vegetationsperioden. Diese Wasserpflanzen dienen als Bio-Indikatoren für den ökologischen Zustand eines Gewässers.

Das deutsche Ingenieurbüro Kobus und Partner steuerte noch meteorologische Erhebungen bei und integrierte alle Ergebnisse und Aussagen in einen Wellenatlas. Dieser Wellenatlas veranschaulicht die Oberflächenwellen und zeigt unter Berücksichtigung von Uferverbauungen und Windverhältnissen, wie stark exponiert die Uferbereiche sind. Zusätzlich wurde ein Bootsmodell zur Simulation einzelner Szenarien entwickelt, in das alle Messungen miteingeflossen sind.

Natürliche Schutzmaßnahmen sind am wirksamsten

Die Untersuchungen ergaben erste Aussagen über die Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen: Schilfschutzzäune sind wirksam, indem sie vor allem starken Wellengang vom Ufergürtel fernhalten, wodurch sich Pflanzen neu ansiedeln und ausbreiten können. Bootswellen sind aufgrund ihrer hohen Wellenenergie selbst durch Schilfschutzzäune noch abgeschwächt nachweisbar. „Den besten Schutz aber bieten eindeutig natürliche, unverbaute Buchten“, betont Philipp Berglez. Seen mit stark verbauten Ufern, wie eben der Wörthersee, sind schon lange nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand und bieten entsprechend weniger natürlichen Wellenschutz.

Faktor Fisch

Im Zuge seiner Untersuchungen konnte das Projekt-Team eine Vermutung bestätigen: Neben den Wellen und damit einhergehenden Strömungen sind auch Fische ein wesentlicher Faktor für den Schwund der Makrophyten. Karpfen, Rotaugen und Rotfedern setzen den Pflanzenbeständen stark zu, einerseits durch Fraß und andererseits durch das Aufwühlen des Sediments. Das aufgewühlte Sediment wird zusätzlich durch die Wellenbewegung verfrachtet und lagert sich an den Wasserpflanzen ab. Das beeinträchtigt die Photosynthese, was die Unterwasserpflanzen zusätzlich schwächt.

Berglez fasst zusammen: „In Kombination mit Bootswellen führt das zu einer gefährlichen Abwärtsspirale für die Pflanzenbestände“.

Die entwickelten Seenmodelle nutzen all diese Ergebnisse und lassen anhand punktueller Messungen Aussagen und Simulationen für den gesamten See zu. Damit liefert WAMOS eine fundierte Grundlage für ein datenbasiertes und nachhaltiges Seenmanagement. Ziel ist nun, das Monitoringkonzept weiter auszugestalten und Langzeitdaten auch an weiteren Seen zu erheben.


Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn. Philipp Berglez
TU Graz | Institut für Geodäsie
pberglez@tugraz.at

Mag. Georg Santner
Amt der Kärntner Landesregierung | Kärntner Institut für Seenforschung
georg.santner@ktn.gv.at


Quelle: Technische Universität Graz

The post Wie beeinflussen Bootsverkehr und Wetter den Wörthersee? appeared first on gwf-wasser.de.

Erhöhter Wasserverbrauch trotz weniger wasserintensiver Pflanzen

Der Klimawandel hat größeren Einfluss auf die Wasserbilanz in Zentralasien als Veränderungen im Anbau von Nutzpflanzen. Forschende zeigen einen ernüchternden Trend für die Landwirtschaft in Zentralasien auf: Der Klimawandel hat den Wasserverbrauch der Pflanzen in der Region erheblich erhöht, trotz der Umstellung auf weniger wasserintensive Pflanzen.

Die Studie konzentriert sich auf das Amu-Darja-Becken, das wichtigste Flusssystem der Region, und analysiert satellitengestützte Schätzungen der tatsächlichen Evapotranspiration von 1987 bis 2019. Die Ergebnisse zeigen, dass der gesamte Wasserverbrauch der Nutzpflanzen in diesem Zeitraum um 10 % gestiegen ist, während der durchschnittliche Wasserverbrauch pro Hektar um 18 % zugenommen hat.

Klimawandel erhöht Wasserverbrauch

Der Hauptgrund dafür ist der Klimawandel. Allein die steigenden Temperaturen und der höhere Wasserbedarf der Atmosphäre hätten den Wasserverbrauch der Pflanzen um 21 % pro Hektar in die Höhe getrieben. Veränderungen in der Landwirtschaft, vor allem die Umstellung von wasserintensiven Sommerkulturen wie Baumwolle auf Winterweizen, konnten nur etwa 3 % dieses Anstiegs ausgleichen.

„Die Ergebnisse unterstreichen, dass die Anpassung in der Landwirtschaft Grenzen hat“, sagt IAMO-Wissenschaftlerin Daniela Peña-Guerrero, Hauptautorin der Studie. „Selbst eine erhebliche Umstellung auf weniger wasserintensive Anbaumethoden kann mit den sich beschleunigenden Auswirkungen des Klimawandels nicht Schritt halten.“

Die flussabwärts gelegenen Regionen des Amu-Darja-Beckens sind besonders gefährdet. Wasserintensive Kulturen sind nach wie vor weit verbreitet, die Bewässerungsinfrastruktur ist veraltet und der Wasserstress ist bereits jetzt sehr hoch. Diese Bedingungen verstärken die Auswirkungen steigender Temperaturen und des wachsenden Wasserbedarfs in der Atmosphäre. Die Ergebnisse sind von globaler Relevanz.

Wasserknappheit wird sich verstärken

In bewässerten Trockengebieten ist die Verbesserung der Wassernutzungseffizienz in wasserarmen Becken von entscheidender Bedeutung, aber Effizienzsteigerungen und Umstellungen im Anbau allein können mit dem Klimawandel nicht Schritt halten. Ohne eine entschiedene Reduzierung der Treibhausgasemissionen wird sich die Wasserknappheit weiter verschärfen und die Risiken für die Nahrungsmittelproduktion, die Lebensgrundlagen der ländlichen Bevölkerung und die regionale Stabilität erhöhen.

Eine interaktive StoryMap ermöglicht es den Leser:innen, die räumlichen Muster und langfristigen Trends der landwirtschaftlichen Wassernutzung im Amu-Darja-Becken zu erkunden.


Originalpublikation:
Peña-Guerrero, M.D., Senay, G.B., Umirbekov, A. et al. Climate change has increased crop water consumption in Central Asia despite less water-intensive cropping. Commun Earth Environ 7, 122 (2026). http://doi.org/10.1038/s43247-025-03142-y

The post Erhöhter Wasserverbrauch trotz weniger wasserintensiver Pflanzen appeared first on gwf-wasser.de.

❌