Bedeutung und Umsetzung des baulichen Gesundheitsschutzes in der Zentralen Notaufnahme (ZNA)
Bedeutung und Umsetzung des baulichen Gesundheitsschutzes in der Zentralen Notaufnahme (ZNA)
Die Zentrale Notaufnahme (ZNA) ist eine besonders sensible Funktionseinheit des Krankenhauses. Als häufig erstere Kontaktpunkt der stationären Versorgung treffen hier täglich zahlreiche Patientinnen und Patienten mit unterschiedlichen Erkrankungen und häufig unbekanntem Infektionsstatus aufeinander. Hohe Patientenzahlen, zeitkritische Behandlungsabläufe, begrenzte räumliche Kapazitäten und enge Kontakte zwischen Patienten und medizinischem Personal stellen besondere Herausforderungen an die Infektionsprävention, die im Weiteren identifiziert werden.
In Notaufnahmen treffen potenziell infektiöse und nichtinfektiöse Patient*innen häufig auf engem Raum zusammen. Insbesondere gemeinsam genutzte Warte-, Holding- und Behandlungsbereiche begünstigen die Übertragung von Krankheitserregern durch direkten Kontakt, kontaminierte Oberflächen sowie durch Tröpfchen und Aerosole.
Der hohe Patientendurchsatz und die medizinische Dringlichkeit können die konsequente Umsetzung hygienischer Maßnahmen erschweren. Kurze Wechselzeiten zwischen Behandlungen erhöhen zusätzlich die Anforderungen an Reinigung und Desinfektion.
Beschäftigte haben regelmäßig Kontakt zu vielen Patient*innen und können selbst Infektionen erwerben oder unbeabsichtigt Krankheitserreger zwischen Behandlungsbereichen oder Patient*innen übertragen. Eine geeignete bauliche Struktur kann solche Kontakte reduzieren und hygienisch sichere Arbeitsabläufe unterstützen.
Wie kann der bauliche Gesundheitsschutz umgesetzt werden?
Besonders relevant in der ZNA sind die räumliche Separierung, die bedarfsgerechte Flächengestaltung, die Dezentralisierung von Funktionsbereichen und die Optimierung der Lüftung.
Räumliche Separierung von Patienten und Behandlungsbereichen
Die räumliche Trennung stellt eine der wirksamsten untersuchten Maßnahmen dar. Ziel ist es, direkte Kontakte und gemeinsame Aufenthalte unterschiedlicher Patientengruppen zu reduzieren.
Mögliche Umsetzungen sind:
- Einrichtung von Einzelbehandlungs-/Untersuchungsräumen anstelle großer gemeinsamer Behandlungsbereiche.
- Abtrennung einzelner Behandlungsplätze durch feste Wände, flexible Trennwände oder Paravents, welche jedoch wischdesinfizierbar sein müssen.
- Räumliche Trennung und Isolierung von Patient*innen mit Verdacht auf übertragbare Infektionskrankheiten oder Besiedlung mit isolationspflichtigen Multiresistenten Erregern.
- Aufteilung großer Holding- und Wartebereiche in kleinere, voneinander getrennte Einheiten.
- Festlegung eindeutig abgegrenzter infektiöser und nichtinfektiöser Versorgungsbereiche.
- Remote Erfassung des Krankheitsbildes der Patienten bereits vor deren Betreten der ZNA.
Das Projekt InnoBRI zeigt anhand von Simulationen, dass die Separierung von Behandlungsbereichen die wirksamste untersuchte unabhängige Intervention für die gesamte modellierte Notaufnahme darstellt. Abhängig vom untersuchten Erreger konnten relative Reduktionen der Übertragungs- beziehungsweise Besiedlungsereignisse von etwa 10 bis 22 % für die gesamte ZNA modelliert werden.
Optimierung der Raumgrößen und räumlichen Organisation
Ausreichend dimensionierte Räume schaffen die Voraussetzungen für hygienisch sichere Behandlungsabläufe. Enge Behandlungsräume und überfüllte Funktionsbereiche erhöhen die Wahrscheinlichkeit enger Kontakte und erschweren die Trennung unterschiedlicher Arbeitsprozesse.
Eine geeignete Planung umfasst deshalb:
- Ausreichend große Untersuchungs- und Behandlungsräume.
- Vermeidung räumlicher Überbelegung.
- Flächenreserven für wechselnde Patientenaufkommen.
- Bedarfsgerechte räumliche Verteilung von Arbeitsplätzen und Versorgungseinrichtungen.
- Ausreichende Bewegungsflächen für medizinisches Personal und Behandlungsvorgänge.
Ein weiterer Ansatz ist die Dezentralisierung von Funktionsbereichen, beispielsweise durch die Aufteilung eines zentralen Pflegestützpunktes auf mehrere kleinere Einheiten je nach Krankheitsbild. Dadurch können sich Personalbewegungen und Kontaktkonzentrationen verändern.
Hygienegerechte Oberflächen und technische Ausstattung
Neben der Raumaufteilung sind die Kontaktflächen innerhalb der ZNA von Bedeutung. Häufig berührte Gegenstände und Oberflächen können mit Krankheitserregern kontaminiert werden und als mögliche Übertragungsquellen dienen. Daher sollten bei der baulichen Planung Oberflächen und Einbauten berücksichtigt werden, die eine zuverlässige Reinigung und Desinfektion ermöglichen. Dies betrifft insbesondere Türen, Arbeitsflächen, medizinische Versorgungsbereiche und patientennahe Ausstattung, sowie medizinische Geräte. Darüber hinaus ist auf eine Ausstattung mit gut erreichbaren Händedesinfektionsmittelspendern zu achten.
Eine weitere untersuchte Möglichkeit ist der Einsatz berührungsloser Türöffnungssysteme, um Kontakte mit häufig genutzten Türgriffen zu reduzieren. Diese Maßnahme wurde im InnoBRI-Projekt als mögliche Intervention beschrieben, jedoch nicht abschließend hinsichtlich ihrer Wirksamkeit modelliert.
Unterstützung sicherer Arbeits- und Patientenwege
Die Grundrissarchitektur einer ZNA muss medizinische Abläufe unterstützen und gleichzeitig unnötige Kontakte reduzieren. Hierzu gehören eine klare räumliche Zonierung, übersichtliche Erschließungswege und eine funktional sinnvolle Zuordnung unterschiedlicher Versorgungsbereiche.
Die Trennung hygienisch unterschiedlicher Tätigkeiten, beispielsweise septischer und aseptischer Arbeitsprozesse, kann durch die bauliche Organisation unterstützt werden. Dabei muss berücksichtigt werden, dass eine stärkere räumliche Trennung auch Nachteile verursachen kann. Hierzu zählen eine eingeschränkte Übersichtlichkeit, längere Wege und zusätzlicher organisatorischer Aufwand. Entscheidend ist deshalb eine Planung, die Infektionsschutz, Patientenüberwachung, medizinische Erreichbarkeit und betriebliche Funktionalität gleichermaßen berücksichtigt.
Welche Wirksamkeit haben die baulichen Maßnahmen?
Die Ergebnisse des InnoBRI-Projekts verdeutlichen, dass bauliche Maßnahmen einen messbaren Beitrag zur Infektionsprävention leisten können.
Für SARS-CoV-2 ergab die Kombination aus Behandlungsraumseparierung, Flächenvariation/Dezentralisierung und Lüftungsanpassung sogar eine modellierte Reduktion der Infektionsinzidenz um rund 39 %. Die Wirksamkeit ist jedoch abhängig vom jeweiligen Krankheitserreger und dessen Übertragungswegen. Maßnahmen gegen aerogen übertragene Erreger müssen deshalb nicht gleichermaßen wirksam gegen kontaktübertragene Erreger sein.
Fazit
Der bauliche Gesundheitsschutz ist ein wesentlicher Bestandteil einer sicheren, leistungsfähigen und zukunftsfähigen Zentralen Notaufnahme. Durch geeignete architektonische und technische Maßnahmen können Infektionsübertragungen reduziert, hygienische Arbeitsprozesse unterstützt und die Sicherheit von Patient*innen und Beschäftigten verbessert werden. Insbesondere räumlichen Separierung von Behandlungsbereichen, der bedarfsgerechten Flächengestaltung, der Dezentralisierung von Funktionsstellen und der Optimierung der Raumlufttechnik bieten Potenziale.
Den größten Nutzen versprechen aufeinander abgestimmte Maßnahmen, die unterschiedliche Übertragungswege berücksichtigen und gleichzeitig eine funktionierende Notfallversorgung gewährleisten. Damit ist der bauliche Gesundheitsschutz nicht als ergänzende Ausstattungsmaßnahme, sondern als grundlegendes Planungsprinzip für Neubau, Umbau und Modernisierung von Zentralen Notaufnahmen zu verstehen. Er verbindet Infektionsprävention mit wirtschaftlicher Nachhaltigkeit und trägt langfristig zu einer verbesserten Versorgungsqualität bei.
Quellengrundlage
InnoBRI-Ergebnisbericht, 21.11.2024, insbesondere Kapitel 1, 5, 6 und 7. Die beschriebenen Effekte stammen überwiegend aus Modellrechnungen.
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