Patientenzimmer der Zukunft in Braunschweig, Forschungsprojekt gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung
Patientenzimmer der Zukunft in Braunschweig, Forschungsprojekt gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung
Bei dem Patientenzimmer der Zukunft handelt es sich um den Demonstrator eines Zweitbettzimmers auf einer Normalpflegestation. Das Patientenzimmer entstand in dem Verbundforschungsprojekt KARMIN, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen von „InfectControl 2020“ gefördert und realisiert wurde. Der Entwurf und die Realisierung entstanden als Reaktion auf die vermehrten Forderungen, dass im Krankenhaus maßgeblich Einbettzimmer realisiert und genutzt werden sollen. Der Demonstrator sollte alternativ die baulichen Ertüchtigungen von Zweibettzimmern untersuchen und die Reduzierung von Infektionen und Übertragunge von Erregern durch bauliche Maßnahmen fokussieren.
Die Forschungspartner*innen haben hier zunächst auf der Basis u.a. einer wissenschaftlichen Analyse von Bestandsbauten, der anschließenden Bewertung und der daraus resultierenden Entwicklung von Entwurfsprinzipien und Lösungsansätzen den Entwurf eines Zweibettpatientenzimmers inklusive einer Nasszelle pro Bettplatz entworfen. In der Entwicklung des Prototypen lag der Fokus auf unterschiedlichen Betrachtungsfeldern, wie der Grundrissstruktur, Prozessen, Materialität oder Lichtszenarien. Gemeinsam mit Industriepartnern wurde der Demonstrator anschließend realisiert.
Der Demonstrator wurde zunächst auf dem Campus Mitte der Charité Universitätsmedizin Berlin errichtet. Seit 2023 wird der Demonstrator als Forschungs- und Studienlabor genutzt und steht auf dem Gelände des Städtischen Klinikums in Braunschweig.
Architektur statt Antibiotika
Die Patientenzimmer stellen einen zentralen Aspekt in der Hygiene und dem Krankenhausbau dar. Diese nehmen einen Großteil der Fläche eines Krankenhausbaus ein und zudem finden dort die zentralen Prozesse und der längste Aufenthalt im Prozess der Genesung der Patienten statt. Im Krankenhausbau gibt es viele hygienekritische Bereiche und auch das Patientenzimmer ist einer dieser Bereiche, in denen das Infektionsrisiko steigt und die Einhaltung der Hygiene-Compliance sehr wichtig ist.
Die Architektur kann durch die Struktur, Bauteilfügung oder Materialwahl zum baulichen Gesundheitsschutz, aber auch zur Compliance der Prozesse beitragen.
Der evidenzbasierte Entwurf
Bei dem evidenzbasierten Entwurf des Zweibettzimmers wurde von der Grundrissstruktur bis ins Detail an Lösungen zur Infektionsprävention gearbeitet. Der Entwurf eines baulichen Best-Practice-Beispiels stand hier im Fokus. Das Zimmer ist zunächst in vier Zonen aufgeteilt worden: den Eingangsbereich, den Pflegebereich, den Patientenbereich und den Bereich für Besuchende. Zusätzlich gibt es zwei Nasszellen, die den jeweiligen Bettplätzen zugeteilt sind.
Wird das Zimmer über den Flur betreten, so kommt man zunächst im Vorbereich, zwischen den beiden Nasszellen, an und der Blick fällt direkt auf die großflächige Fassade. Vom Eingangsbereich öffnet sich der Raum trichterförmig zu den beiden Patientenbetten, die sich jeweils rechts und links gegenüberstehen. Die Grundstruktur des Raumes ermöglicht einen guten Einblick auf die beiden Bettplätze und unterstützt so die Überwachung der Patienten.
Die Patientenbereiche liegen zentral im Zimmer, sodass der Abstand zur Fassade sowie zur Nasszelle für beide Bettplätze gleichwertig gestaltet ist. Je Bettplatz gibt es eine Abstellfläche für den Pflegewagen sowie einen kleinen Schreibtisch und einen Schrank, die an der Außenfassade angeordnet sind.
Je ein Pflegebereich pro Patient befindet sich zwischen dem Bettplatz sowie der Wand zur Nasszelle. In diesem Pflegearbeitsbereich haben die Mitarbeitenden ausreichend Platz zur Vor- und Nachbereitung. Ein Pflegearbeitsschrank, ein Abwurfeimer, Handschuh- und Desinfektionsmittelspender stehen hier für jeden Bettplatz zur Verfügung.
Unter der großen Fensterfläche, die viel Tageslicht in das Zimmer einfallen lässt, befindet sich eine große Sitzbank für Besuchende. Rechts und links von dieser Bank befinden sich die kleinen Schreibtische der jeweiligen Bettplätze, die auch von den Besuchenden mitgenutzt werden können.
Jeweils eine Nasszelle steht pro Patient zur Verfügung. Dies führt einerseits zu mehr Privatsphäre in den Patientenzimmern und es gibt ausreichend Platz für persönliche Gegenstände. Andererseits werden ungewollte Kontakte und Schmierinfektionen verhindert. Die Nasszellen sind barrierefrei ausgeführt und werden über eine große Schiebetür erschlossen. Abfalleimer im Bad sowie der Abwurf im Pflegebereich sind in der Wand verbunden, sodass Abfälle gebündelt entsorgt werden können und die Arbeitsschritte erleichtert werden.
Lichtszenarien
Für die unterschiedlichen Prozesse im Zimmer gibt es die Möglichkeit, verschiedene nutzerspezifische Lichtszenarien einzustellen. So können neben der Komforteinstellung für den Patienten bspw. während der Visite oder während der Reinigung die Prozesse durch eine passende Ausleuchtung des Raumes unterstützt werden.
Die Positionierung der Leuchtmittel unterstützt außerdem die Einteilung des Zimmers in die vier Zonen: Eingangs-, Patienten-, Pflege- und Besucherbereich. Durch den Einsatz von Human-Centric-Lighting soll zusätzlich der Genesungsprozess unterstützt werden. Die Lichtszenarien können neben einem Panel am Eingangsbereich oder direkt am Patientenbett auch über bewusst positionierte Taster bedient werden.
Ausstattung
Für das Patientenzimmer wurden unterschiedliche Ausstattungsgegenstände entworfen, die bei der Reinigung und Pflege unterstützen sollen und so zur Infektionsprävention beitragen.
Der Boden sollte möglichst frei von Ausstattungsgegenständen bleiben oder diese sollten mobil sein, damit der Reinigungsprozess nicht behindert wird. Somit wurde beispielsweise die Bank für Besuchende freihängend gestaltet. Der Pflegearbeitswagen wurde fugenlos entworfen, damit eine optimale Reinigung durchgeführt werden kann. Zur Unterstützung der Prozesse ist der Pflegewagen von beiden Seiten gleichermaßen nutzbar.
Je nach Nutzungsbedarf wurden an verschiedenen Positionen im Zimmer Desinfektionsmittelspender positioniert. Diese unterscheiden sich je nach Nutzungszweck. Der ebenfalls eigens für das Zimmer neu entworfene KARMIN-Desinfektionsmittelspender verfügt über ein Belohnungssystem, das nachweislich zur Nutzung der Spender und somit zur Hygiene-Compliance beiträgt.
Auch Patienten können zur Hygiene beitragen. Deshalb spielt die Aufklärung der Patienten im Projekt KARMIN eine große Rolle. Auf dem Bedside-Terminal können Patienten neben dem allgemeinen Mediaangebot auch Informationen zum Gesundheitsschutz und zur Hygiene finden.
Materialien
Im Patientenzimmer wurden Materialien gewählt, die einerseits robust und leicht zu reinigen sind sowie durch ihre Oberflächenbeschaffenheit Verunreinigungen sichtbar machen. Andererseits wurde bei der Materialwahl bewusst auch auf das Wohlbefinden von Patient*innen geachtet. Eine Mischung aus kalten und warmen Farben erzeugt durch den Einsatz von Holzdekor einen wohnlichen Charakter und wird durch den Ausblick in die Natur und den Einfall von Tageslicht ergänzt.
Wie kann es ein Best-Practice-Beispiel bleiben?
Aktuell wird unter der Federführung des Instituts für Konstruktives Entwerfen, Industrie- und Gesundheitsbau (IKE) der TU Braunschweig, des Fraunhofer-Instituts für Schicht- und Oberflächentechnik IST in Braunschweig und des Städtischen Klinikums Braunschweig der Demonstrator als Forschungs- und Studienlabor aktiv weitergenutzt. An diesem Best-Practice-Beispiel sollen kontinuierlich Prozesse weiter untersucht und im Sinne der Compliance weiterentwickelt werden. Gleichzeitig sollen weiterhin innovative, praxistaugliche baulich-technische Musterlösungen, smarte Materialien und Oberflächen sowie zukunftsfähige Ausstattungselemente und Produkte im Sinne der Infektionsprävention und Reinigung getestet und weiterentwickelt werden.
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